Teil eines Werkes 
2. Band (1860)
Entstehung
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ihnen, wie allen ruſſiſchen Damen, Liebenswürdigkeit und Anmuth nicht abgeſprochen wird. ²)

3) Ohne Zweifel ſind viele Anekdoten, welche deutſche Schriſt⸗ ſteller über Rußlands geſchichtliche Frauen erzählen, vielfach über⸗ trieben, und der Geſchichtsſorſcher wird ebenſo ernſte Zweifel in dieſelben ſetzen, wie in glle jene Hiſtörchen, welche über das Leben Katharinas II. kreiſen, die jedenfalls, wie oben erwähnt, für Ruß⸗ lands Größe Vieles gethan. So erzählt z. B. ein ungenannter Schriftſteller in der BrochüreRußland bei der Thronbeſteigung Paul I.(Leipzig bei Kollman 1859):Unter der Regierung Ka⸗ tharinen's hatten die Frauen bei Hof einen Einfluß gewonnen,

den ſie in die Geſellſchaft und ihre Häuslichkeit mitnahmen. Die Fürſtin Daskow war nicht nur durch ihre Neigungen, Manieren und durch ihren Geſchmack eine männliche Natur, ſie wurde ein Mann durch ihre Titel und Würden, als:Direktor der Akade⸗ mie der Viſſenſchaften und Präſident der ruſſiſchen Akademie. In den Provinzen ertheilten die Frauen der Chefs den Offizieren Be⸗ fehle. Madame Mellin, die Oberſtin des Regimentes Tobolsk, kommandirte die Truppen und führte ſie in Uniſorm ins Gefecht. Es fehlt, ſagt er, jedoch durchaus nicht an ſchönen und liebens⸗ würdigen Geſtalten. Faſt alle ruſſiſche Frauen haben natürlichen Humor, Grazie in den Manieren, Unterhaltungsgabe, und gleichen in dieſer Beziehung den Franzöſinnen. Im Theater verſtehen ſie ebenſo den Geiſt und die Poeſie zu ſchätzen, wie mit Schärfe ſie aufzunehmen; das Einzige, was ihnen fehlt, iſt das Gemüth. Ebenſo haben die Ruſſinnen keinen Sinn für Häuslichkeit und häus⸗ liche Hrdnung; ſie brilliren in der Geſellſchaft und ziehen es vor, Mehreren zu gefallen, als einem Einzigen. Die Erziehung arbeitet vorzüglich auf Sprachkenntniß. Faſt jede gebildete Ruſſin ſpricht