287
unfern der kleinen Kreisſtadt Kungur in die Sülwa, bedeckten. Der weiße Kalkſtein des nahen Berges leuchtete im reinſten Morgenlichte, wie eine große weiße Moſes⸗ tafel, auf welcher das große Gebot der Liebe Gottes ſtand— der Liebe Gottes und des Nächſten, welches in dieſem Lande längſt zur Fabel geworden ſchien.
Hoch oben auf der weißen Kalk⸗ und Gypswand hatte ſich ein mächtiger Geier gelagert, gleich einem Wächter an der Pforte der großen Schatzkammer, worin die Natur, unbeirrt von dem Treiben der Menſchen, ihre Schätze bereitet und für die Zeit des friedlichen Waltens der Menſchheit aufſpeichert.
Noch höher in den blauen Lüften ſangen die ge⸗ fiederten Luftbewohner dem allmächtigen Herrn der Natur ihr vieltöniges Morgenlied.
Eine nie gekannte Wehmuth beſchlich das Herz Michelſon's, welcher ſtumm und in ſich gekehrt an der Seite ſeines Feldadjutanten dem Gypsberge näher ritt, denn ſeine Gedanken waren bei Theodoren.
Zetzt deutete der Finger des letzteren auf den Gyps⸗ berg.„Oberſt,“ ſagte er,„blicket auf und betrachtet ein wenig die Gegend. Seht dort die ſchmale Felſenſpalte, das iſt der Eingang zur berühmten Höhle Kungur. Wollt Ihr das Naturwunder nicht beſehen?“
Michelſon ſchlug ſeine Augen empor. Schweigend


