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Abendlüfte klangen, als wollten ſie ein hohes Lied der Treue ſingen vom gebrochenen Herzen.
Aber ſie ſchienen auch wieder von ſchüchterner, trö⸗ ſtender Liebe zu reden, welche ſo ſüſſe Worte des Mit⸗ leids und der Sehnſucht hatte, daß der Stern der Liebe hier, von der Sonne des Verſtandes überſtrahlt, als Abendſtern zu verſinken ſchien, um dort als Morgen⸗ ſtern eines neuen Seelenlebens wieder emporzutauchen...
Schön wie der freundliche Maientag, mannhaft und ſtark in Wort und That war der junge Oberſt Louis, genannt Graf Lenoir, und als er Ghiraldina wiederholt aufmerkſam machte, daß die längere Abwe⸗ ſenheit Eugens und deſſen wiederholte Bitte an Ghiral⸗ dinen, ſeine Abweſenheit mit ſeinen dringenden Staats⸗ geſchäften entſchuldigen zu wollen, nichts anderes ſei, als— der Zweifel, ob Ghiraldinen's Hand in der That ein Preis ſei, werth eines wahrſcheinlich dauernden Zerwürfniſſes des Prinzen mit dem Kaiſer Napoleon.. da begann, zuletzt betäubt von den ſüßſchmachtenden Worten des jungen Sprechers, die Liebe allmälig zu klagen, dann zu zweifeln, und vom Zweifel zum Treu⸗ bruche— wie kurz iſt da die Linie?..
Aber er, den der ſchlanke, bildſchöne Oberſt Ghiral⸗ dinen in ſo zweifelhaftes Licht zu ſtellen ſuchte, um die


