Reun und zwanzigſter Brief.
Leonore von Brandner an Thereſe Friedberg.
Jänner 1796.
J habe Deinen Brief vom ꝛ5ten vor drey Ta⸗ gen erhalten. Ich war nicht im Stande, ihn ſo⸗ gleich zu beantworten. Erſt heute bin ich gefaßt genug, Dir mit ruhiger überlegung alles zu ſa⸗ gen, was in mir vorgeht, wie ich denke und fühle. Welcher Brief! Und zu welcher Zeit! Er hatmich unausſprechlich erſchüttert. Aber Schweſter! Es iſt zu ſpät, auf jeden Fall, in jedem Sinne zu ſpät! Die ſchlechten Wege verzögerten ſeine An⸗ kunft. Wäre er früher gekommen!— Doch nein! Keine Täuſchung! Wäre er auch früher gekom⸗ men, die Sachen hätten keinen andern Gang neh⸗ men können, als ſie genommen haben. Es war der Gang, den ſie nach allem, was geſchehen war, nehmen mußten. Es war voraus zu ſehen, zu be⸗


