187 von allen den Fehlern, die man mit Recht oder Un⸗ recht den Unverehlichten ihres Geſchlechtes zuſchreibt, vielleicht weil ſich Beider Gemuth mit gleicher Hinge⸗ bung und Wärme erſchloſſen und in der Liebe geubt hatte gegen Maria, die dritte, viel juͤngere Schweſter, die, fruh aͤlternlos geworden, ſich zwiſchen ihnen nie verwaiſt gefuͤhlt. So wenig der Schoͤnheitsſinn un⸗ ter die Haupteigenſchaften des aͤlternden Schweſter⸗ paares zu rechnen war, ſo wenig ſie es ſonſt gewohnt waren, die eigenen oder fremde Zuͤge zu muſtern, und Geſtalt mit Geſtalt zu vergleichen, ſo entging ihnen doch nicht, daß Maria wohlgebildet ſey, und zart in Zuͤgen und Gebehrden, wie an Geiſt und Gemuͤth. Beide waren ſtolz darauf, Beide geizten für Maria mit einem Gute, an deſſen Erhaltung ſie fur ſich ſelbſt nie gedacht hatten. So war zum Beiſpiel die urſpruͤnglich gerade Taille bei jeder von ihnen durch vieles Naͤhen, Stricken, Sticken und durch nach⸗ läſſige Haltung ſchief geworden. Jede wußte es freilich nur von der Andern; denn durch Huͤlfe zweier Spiegel den eigenen Ruͤcken zu beſehen, war keiner je eingefallen: aber genug, es hatte jede ein Beiſpiel vor Augen von den ſchaͤdlichen Folgen des vielen Sitzens und der lange fortgeſetzten Bewegung der einen Hand, und Beide waren vollkommen daruͤber einig, daß Maria nicht ſo viel, als ſie, nähen und ſtricken ſollte, und mehr, als ſie in ihrer Jugend gethan,
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Erzählungen / von Josephine von Perin, geb, Freyin von Vogelsang ; mit einem Kupfer von Ludw. Schnorr und Fr. Rosmäßler
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