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geweſen oder die Grundidee ſeines Irrthums? Das
habe ich niemals erfahren koͤnnen. Wie dem auch ſei⸗ er leugnete die Sterblichkeit des Leibes.
Er war nun zu dem Lebensalter gelangt, wo der Kontraſt einer unſichern Stellung mit den unendlichen Wuͤnſchen fuͤr die Zukunft aufhoͤrt, im Gleichgewichte zu ſtehen. Die Poeſie verſchwand.„Es hat gar nichts Schmerzliches,“ verſicherte er mir eines Tages,„ſeinen Vater nicht zu kennen; man weint uͤber das Loos der Findlinge, dies Mitleid iſt aber Vorurtheil. Nennen Sie mir eine Familie, eine einzige, vom Großvater bis
3 zum Enkel gerechnet, welche nicht in ihrem Schooße
eine ſittenloſe Tochter, einen ausſchweifenden Sohn, kurz ein Mitglied hat, welches den Namen verunehrt, den es traͤgt! Ich ſpreche nicht von den Schmerzen, die man theilen muß beim Tode ſeiner Verwandten;
man hat immer funfzig Todesfaͤlle zu betrauern vor
dem Ende der eignen Laufbahn. Der Findling iſt alles ſolchen Kummers enthoben. Ueberdem hat er, bis das Gegentheil bewieſen iſt, das Recht, ſich fuͤr den Sohn eines Herzogs, eines Prinzen, ſelbſt eines Koͤnigs zu halten. Wenn ich nicht der Sohn des Kaiſers waͤre, moͤchte ich wohl ein Findling ſein; aber was des Her⸗ zens ewige Verzweiflung erregt, iſt, zu wiſſen, wer man iſt, und die unermeßliche Kluft zu ſehen, welche das, was man iſt, von dem, was man ſein koͤnnte, ſcheidet; durch welches Zeichen, durch welchen Namen ſoll man
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