77
getungen— lange noch war er in ihr um das Schloß einhergeirrt, die Ankunft des Arztes abzuwarten, nach dem Licht zu blicken, das aus Editha's wohlbekanntem Balkonfenſter ſchimmerte, an ſeinem helleren oder dunk⸗ leren Schein, aus den Schatten, welche die Geſtalten darin warfen, abzunehmen, wie es ihr ergehe! Und er würde dies reſultatloſe Treiben wohl bis zum Morgen fortgeſetzt haben, wäre er nicht in das Schulhaus um ſeiner Eltern willen endlich heimgekehrt, damit er den Guten nicht auch dadurch noch Kummer und eine ſchlaf⸗ loſe Nacht bereite!
Vor dieſem heutigen Wiederſehen mit Editha hatte er ſie im Geiſte immer vor ſich erblickt, wie ſie ihm in jenem Concert, in dem er ſich ihr nicht zu nahen wagte, erſchienen war: im prächtigen Schmuck mit dem Roſendiadem— ſtrahlend von Glanz und keuſcher Schönheit, ſtrahlend vor Allen vom Enthuſiasmus ſeelen⸗ voller Kunſtliebe— ſah ſie ſo immer in dem Augen⸗ blicke, wo ſie den Strauß auf den Künſtler warf—„ wie oft haſchte er im Traum nach dieſem Strauß:— Aber jetzt that er es nicht mehr, verſchwunden und verſunken war dies winkende Bild— jetzt ſah er Editha,
wie er ſie heute geſehen: erſt ein liebliches harmloſes
Kind inmitten ihrer Vögelſchaar— dann geiſterhaft vom Blitz beleuchtet gleich einer heiligen Seherin— und dann hielt er die Bewußtloſe in ſeinen Armen und


