—
21
„Das iſt noch das Schlechteſte von allem,“ entgeg⸗ nete die Mutter.„Aber ich will meine Bruſt durch ein offenes Geſtändniß entlaſten. Ich will mich ſelbſt nicht mehr belügen. Ja, ich habe von dem Daſein des Kin⸗ des gewußt. Sie muß ungefähr ſechs bis ſieben Jahr alt geweſen ſein, als ihre Mutter ſtarb. Das Kind hatte auch das Fieber, und ich weiß nicht, weshalb ich mir einredete, es ſei auch geſtorben. Denn ſiehſt Du, Mr. Vane— er iſt nun todt und man ſollte nie Böſes nachreden,— war ſo unangenehm in ſeinen Briefen. Ich weiß, ich hätte nachfragen ſollen, aber ich konnte ihn gar nicht leiden, ja ich fürchtete ihn ſogar.“
„Ich glaube allerdings, Du handelteſt hier nicht ganz recht,“ ſagte Nelly mit dem Ernſte eines Richters.
„Ich weiß und fühle es,“ erwiederte die reuige Sünderin.„Gar oftmals habe ich ſchreiben wollen, aber immer wurde nichts daraus. Aber es iſt noch nicht zu ſpät, es an ihr wieder gut zu machen. Gieb mir den Brief, Kind! Nein denke nur, daß er todt iſt!“
„Ja aber, Mama, nach allem, was ich höre, ſcheint mir das kein ſo großer Verluſt zu ſein,“ ſagte Nelly.
„Nicht für uns; gewiß nicht. Denke aber nur, Nelly, wenn er zur Rechenſchaft gezogen wird für alles Unrecht, was er gethan, und dann das arme Kind, das arme, kleine Mädchen—“


