Leiche als einem lebenden Weſen ähnlich geſehen haben, wenn nicht das Feuer der großen, ſchwarzen Augen verrathen hätte, daß in dieſer zerbrechlichen Hülle eine Seele wohne, welche noch der Stürme und Qualen der Leidenſchaften fähig ſei.
An ihrem Lager ſaß ein bildſchöner junger Mann, welcher aufmerkſam, aber betend auf das horchte, was die Kranke ſprach. Nachdem ſie mit einem langen und, wie es ſchien, ſchmerzlichen Bekenntniß zu Ende gekommen, ruhte ſie einige Augenblicke; dann fuhr ſie aber wieder fort:
„Du ſiehſt, mein Sohn, aus dieſer peinlichen Beichte, daß ich eine große Sünderin bin, daß auf meinem Gewiſſen Verbrechen von entſetzlicher Art laſten; aber es war für Dich und Deine Unab⸗ hängigkeit nöthig, daß ich ſie beging. Du wirſt alſo auch Alles das vergeben können, wozu mich meine grenzenloſe Mutterliebe verleitete.“
Der Sohn neigte ſein bleiches Geſicht über ihre Hand und führte dieſe ſtillſchweigend an ſeine beben⸗ den Lippen.
„Schwöre mir, daß Du die Unglückliche und ihr
Kind ausfindig machſt und ihnen denjenigen Theil von Deinem Vermögen übergibſt, den ich für ſie be⸗ ſtimmt habe. Schwöre mir es beim Bilde des Er⸗ löſers!“ ſprach die Mutter und reichte ihm ein kleines Crucifir, welches innerhalb des Bettes hing.
„Ich ſchwöre es Dir, meine Mutter; aber wo und wie ſoll ich ſie ſuchen?“
„In Schweden! Dorthin gelang es ihr während des Prozeſſes ſich zu flüchten.“


