Teil eines Werkes 
2. Band (1858)
Entstehung
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lieblos ſein, und darüber wird das eigene Herz auch kalt; ich könnte mir jetzt noch weniger helfen, als heut Nach⸗ mittag. So lange, lange Stunden hat er es aushalten können, jetzt kann ich doch unmöglich fröhlich und glück⸗ lich ſein, lieber Herr hilf mir und mache Du Alles gut, denn ich kann gar nichts. Sie ſaß noch eine ganze Zeit zwiſchen den Blumen am blühenden Roggenſtück, und als die letzten Sonnenſtrahlen über das Grün blitzten, ging ſie heim wie ein müdes Kind.

In der Stube war es ſchon tiefe Dämmerung, ſie ſetzte ſich an den Schreibtiſch, zündete ihr kleines Licht an und las in der Bibel, bis zehn Uhr, ihr gewohnte Zeit, wollte ſie aufbleiben. Sie las im Evangelium Matthäi die Bergpredigt, die Verkundigung des Himmel⸗ reiches, das ſchon hier auf Erden in den Herzen der Gläubigen mit ſeiner Macht und ſeinem Frieden und ſei⸗ ner Herrlichkeit leben ſoll. Den Kopf in die Hand ge⸗ ſtützt, ſaß ſie nachdenklich, als plötzlich ſchnelle Männer⸗ tritte die Treppe herauf kamen. Sie erſchrak und zitterte heftig. Das war er. Was ſollte nun werden? Ihr erſtes Gefühl war, die Bibel fortzulegen, er ſollte es nicht wiſſen, in welcher Stimmung ſie war, freundlich wollte ſie dennoch ſein, aber ihren Kummer wollte ſie allein tra⸗ gen, die Gedanken ihres Herzens ſollte er nicht erfahren, das hatte er nicht verdient. Sie hatte die Hand ſchon an die Bibel gelegt, da fühlte ſie das Zürnen des Herrn: Wenn ich dir helfen ſoll, mußt du erſt demüthig ſein.