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Du bemerken, daß das beſte Zimmer im ganzen Haus bloß zu den Mahlzeiten benützt wird. Ferner giht es Zimmer, die augenſcheinlich von trockener, pedantiſcher Hrdnungsliebe oder von Nachläſſigkeit, von Fleiß oder von Leichtſinn zeugen. Welch' ein Geiſt der Reinheit und ünſchuld ſcheint nicht in dieſen kleinen Mädchen⸗ ſtübchen mit ihren ſchneeweißen Gardinen, ihren Dorn⸗ roſen und Myrthenzweigen, die halb hinter den Jalouſien verborgen ſind, vorzuwalten! Aber unter demſelben Dach wohnt vielleicht ein alter Junggeſell. Mam⸗ ſell Högquiſt's Portrait hängt über ſeinem Bett. Auf dem Kamin ſteht eine Venus in Gyps und an den Wän⸗ den findeſt Du einen ganzen Olymp von nackten Göt⸗ tinnen und hochgeſchürzten Nymphen. Wer hat nicht einmal das angenehme Gefühl erlebt, in eine comfor⸗ table Wohnung zu treten, wo Alles uns ſagt, daß die Behaglichkeit des Alltagslebens nicht bloß auf materiel⸗ len Bequemlichkeiten beruht, und wo man ſchon auf den erſten Blick ſich verſucht fühlt, auszurufen: Siehe, da wohnen gewiß Menſchen, welche denken und fühlen!
Eine ähnliche behagliche Stimmung kam über Ze⸗ den, der einmal bei Leopold Raimund in ſeinen glück⸗ lichen Tagen einen Beſuch abſtattete. Raimund war Künſtler und ſtand als Portraitmaler in großem An⸗ ſehen. Noch ganz jung hatte er ſich mit dem Gegen⸗ ſtand ſeiner erſten Liebe verheirathet, einem Mädchen von geringer Geburt und ohne Reichthum, aber mit allen Tugenden eines edlen Herzens und allem Liebreize der Schönheit ausgeſtattet. Zur ſelben Zeit kaufte er ſich ein keines Haus in einer der Vorſtädte der großen Re⸗ ſidenzſtadt D. In dem früheren Speiſeſaal wurden Fenſter durchgebrochen, um das Zimmer heller zu machen, und hier ſchlug er ſein Atelier auf. Dieſes war aber zugleich auch das Arbeitszimmer ſeiner Frau. Einige gute Gemälde ſchmückten die Wände. Zwiſchen den Fenſtern erhob ſich' ein wohlverſehener Bücherſchrank. Ihm gegenüber ſtand ein Piano, in den Ecken befanden
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