Teil eines Werkes 
2. Band (1863)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

286

Oh, meine Mutter, daß ich heute, ohne mich zu ſchä⸗ men, zu Ihnen hinaufblicken kann, dieſes iſt ſein Werk, aber nicht das Ihrige; denn Sie gewährten mir keine Stütze im Augenblick der Verſuchung. Es gab keine Liebe, kein Vertrauen zwiſchen Ihrer Toch⸗ ter und Ihnen.

Kalt und kühl war die Luft um mich herum, und oft ſah ich es mit Reid, wenn eine Mutter ihre Kinder liebkoste, indem dieſe Kundgebung der Zärt⸗ lichkeit bei andern Müttern mich gegen meine eigene erbitterte. Ihre Strenge hat alle edleren Inſtinkte in meiner Bruſt ſchlummern laſſen, und ich glich einem Schiff ohne Steuerruder, welches wie ein Wrack vor dem Winde trieb.

Wäre ich von den Wogen der Leidenſchaft ver⸗ ſchlungen worden, ſo wäre es eine Folge von der Kälte und der Herrſchſucht geweſen, womit ich von meiner Kindheit an behandelt wurde.

Keine Früchte wachſen im Winter; keine zärt⸗ lichere und höhere Gefühle entwickeln ſich außer in der Sommerſonne der Liebe. Richard war die Le⸗ benskraft, welche meine beſſeren Anlagen dahin brachte, daß ſie knoſpeten, daß ſie Früchte trugen und doch. doch.. Mutter, legſt Du Deine kalte, harte Hand zwiſchen unſere Herzen.

Albertine fügte mit Thränen hinzu:

— Oh! ſei ein einzigesmal Mutter, laß ein ein⸗ zigesmal Dein Herz ſich regen und laſſe nicht Deine einzige Tochter vergebens zu Deinen Füßen um ihr Glück betteln und unerhört von dannen gehen. Hat

ſie es nicht verdient, einmal zu koſten, was Glück