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Reunzehntes Capitel. Tod des Kaiſers Rudolph.
Kaiſer Rudolph überlebte nur wenige Wochen die Verurtheilung ſeines Sohnes.
Der Gram über den Verluſt zweier Kronen, die ſein eigener Bruder ſich auf's Haupt ſetzen ließ, der Schmerz über den mehr und mehr ſchwindenden Glanz ſeiner früͤhern Macht und Herr⸗ lichkeit, das Gift der Reue, das ihn langſam ver⸗ zehrte, ließen ihn von jener Krankheit, der er ſeit der Verurtheilung ſeines eigenen Sohnes anheimgefallen war, nicht wieder geneſen. Der kalte Brand hatte in des Kaiſers Körper todtbringend um ſich gegriffen.
Gepflegt und getröſtet von Gräfin Maria Mag⸗ dalena, ſeiner letzten Freundin, die ihm treu geblieben, fühlte er am Sanet Fabianstage, Freitags am 20. Januar des Jahres 1612, das Nahen des Augen⸗ blickes, in welchem ſein Herz ſtill ſtehen ſollte.
Stundenlang war er bereits ſtumm, wie ſprach⸗ los, gebadet in kaltem Schweiß auf den Seidenpol⸗ ſtern ſeines hohen, mit rothen Sammtvorhängen drappirten Himmelbettes gelegen, als plötzlich aus dem Zwinger herauf das Gebrüll eines Löwen ſo


