Teil eines Werkes 
4. Band (1856) Kaiser Rudolph II. und seine Zeit
Entstehung
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Stufen des Thrones hin, um dort, am Aſole der Gnade und Gerechtigkeit, die ganze Fülle ſeines gram⸗ gebrochenen Herzens in das Mitgefühl ſeines kai⸗ ſerlichen Gönners und Freundes auszugießen.

Die ehrfurchtgebietende Erſcheinung, ſeine tiefe Trauer, ſein langer weißer Bart, ſein ſchmerzerfüll⸗ tes Auge mußte ſelbſt den eingefleiſchteſten Juden⸗ feinden, die dem niedergebeugten, tochterberaubten Greiſe auf ſeinem Gange nach dem Hradſchin be⸗ gegneten, ſo viel Achtung für die hohen Tugenden, ſo viel Theilnahme für die Goliathgröße des Kum⸗ mers, der ihn am Spätabende ſeines gottesfürchti⸗ gen Lebens heimgeſucht, mußte Allen ſo viel Mitge⸗ fühl einflößen, daß viele der Vorübergehenden ihre Kopfbedeckung abzogen, um den frommen Rabbi ehr⸗ furchtsvoll zu grüßen. Er aber, zu beſcheiden um zu bemerken, daß all' dieſe theilnahmsvollen Grüße ſeiner unbedeutenden Perſon zugedacht ſeien, ließ ſie alle unerwidert und zog, ſchwach und athemlos, auf ſeinen treuen Stab gelehnt, ſeines Weges fort.

Der einzige Menſch vielleicht, der beim Anblick dieſer Verkörperung des Jammers theilnahmslos ſeinen Deckel aufbehielt, war der Handſchuhmacher Jaromir, der, gähnend wie ein hungeriger Haifiſch, vor ſeiner ewig kundenleeren Bude ſtand.