Teil eines Werkes 
11. Band, Neue Folge : 3. Band (1855)
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„Der Herr Organiſt gab's mit Freuden zu; aber ich weiß nicht, wie es kam, daß die einzige Zuhörerin, die da unten im Schiffe mit den leuchtenden Augen ſaß, mich faſt zittern machte?— Die Frau Nöthlich war's aber nicht, obwohl die neben dran ſaß, und alle Mütter meiner kleinen Schüler und Schülerinnen. Denen hatte es Frau Nöthlich ſicherlich geſteckt.

„Der Organiſt mochte es merken, daß es mir nicht geheuer war. Er flüſterte mir zu: Kuraſche, Musje Schneider!— Und das wirkte. Ich griff friſch in die Taſten; ich fußirte tüchtig auf dem Pedal herum, und vergaß ſchier Menſchen und Zeit und Welt, ſo fühlte ich in meiner Seele eine Begeiſterung. Es ging über die Maaßen gut, und der Organiſt ſagte: Nun muß er aber auch den ganzen Gottesgeſang leiten und den Ausgang ſpielen! Das that ich, und ich hatte die Freude, daß, ſtatt daß die Leute aus der Kirche gehen ſollten, ſie drinnen blieben, bis ich geendet, und was ich geſpielt, war ein altes Stück von einem Italiener, aus einer Miſſa das Gloria.

„Da war denn des Lobes kein Ende, und Mariechen ſaß drunten im Schiff und trocknete mit den roſenrothen, feinen Fingerſpitzlein eine Freudenthräne nach der andern. Da ſpiele Einer einmal kein Gloria, wenn er das ſieht, und weiß, wieviel Uhr es iſt!— Ich will nicht davon reden, wie die mildherzigen Weiber mir ihren Beifall zollten und mich mit Kuchen regalirten, und die Frau Wirthin aus dem„Reichsapfel,“ deren eheleibliches Töchterlein ich inſtruirte, mir ſechs Krüge Märzbier ſandte, dergleichen ich mein Lebtag nicht getrunken; ſondern davon, daß Mariechen, als ſie mir, wie allemal Freitags, das Eſſen brachte, mir mit einer demanthellen Thräne die Hand reichte und nichts weiter ſagen konnte, denn: Ach, wie ſchön war's! Das galt mir ſelbſt mehr, als eine Poſt, die auch nicht zu verachten war. Montags nämlich, war der Stadtdiener gekommen und hatte einen ſchönen Gruß entboten, von dem geſtrengen Herrn Bürgermeiſter, und er ſei am Sonntag in der Kirche geweſen und ließe fragen, ob ich ſeinem Söhnlein Clavierunterricht geben wolle, und ob ich die Zeit dazu habe, Abends von fünf bis ſechs Uhr? Das Kind