Teil eines Werkes 
5. Band (1852)
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ciata wiederzuſehen. Seine Beklemmung wuchs von Minute zu Minute.

Jetzt ſtürzte ein junges Weib zu dem Galgen hin. Das lange, 6 rauhe, ſchwarze Haar flog aufgelöſt im Wind. Ihre Kleidung war höchſt bizarr und auffallend, reich, aber unordentlich. Und dennoch ſah man darin die edelſte Geſtalt, die reinſten Formen.

Mit einem Mark und Bein durchſchneidenden Schrei ſtürzte ſie am Galgen nieder, und umklammerte ihn mit ihren ſchneeweißen Armen. Mit einem Tone, der wie ein Schwerdt durch Giovanni's Seele drang, rief ſie:„Tommaſo, mein guter Tommaſo!“

Ein Blick hatte genügt, ſeine Annunciata wieder zu erkennen; aber es war nicht mehr dieſe reine, ſchuldloſe Annunciata! Ein wildes Weſen war in ihr, etwas Irres, Wahnſinniges. Der Aus⸗ druck ihres Auges war unſtät und unheimlich.

War früher das Volk in ſteter Unruhe, ſo wurde es jetzt todtſtille und es ſchien, als bete Jeder ein Ave oder de profundis mit der Unglücklichen, die einen Moment ſtille auf ihren Knieen lag, die Arme um den Balken des Galgens geſchlungen, das Haupt tief zur Erde geſenkt.

Jetzt erhob ſie den Kopf, warf mit heftiger Geberde das dunkle Haar zurück, blickte mit ſchmerzzerriſſenen Zügen zu dem Leichnam auf und begann das„Slabat mater“ zu ſingen.

Sie ſang es aber in einer Weiſe, wie ſie noch Niemand ver⸗ nommen. Die Töne drangen aus ihrem Innern und trugen die Worte in wunderbarer, in herzzerſchneidender Art und doch wieder ſo weich, ſo klagend, ſo ſeelenvoll, daß ſie mit nie geahnter Macht jedes Herz hinriſſen ind bewältigten. Der Eindruck war ein außer⸗ ordentlicher. Alle Hände waren gffaltet, in aller Augen ſtanden Thränen, und als ſie geendet, ſchloß das Volk mit einem„Ora pro nobis, was aus tiefſter Seele drang.

Jetzt riß der wildeſte Schmerz das unglückliche Weib empor und wenige Augenblicke darnach war ſie verſchwunden.

Einen Leichnam, den einige Wochen ſpäter das Meer am Molo

auswarf, erkannte das Volk für den Annunciata's.