Ernſt Andolt.
vereinigen laſſe. Er beſaß jedoch Menſchenkenntniß genug, um ſich mit der Eröffnung dieſer Abſicht nicht zu übereilen. Alle dieſe Pläne durchkreuzte nun jenes Teſtament; er hatte nichts von der Errichtung desſelben geahnt, da er ſeinen Schwager zu der Claſſe der„un⸗ praktiſchen Charaktere“ zählte, wohin er alle Menſchen zu rechnen pflegte, die ihre Lebensthätigkeit idealen In⸗ tereſſen widmen und gar dafür Opfer bringen konnten. Er dachte nun im erſten Schreck nicht anders, als daß
dem Vormund des Fräuleins freie Hand gegeben ſein würde, jenen Wechfel ſofort gegen ihn geltend zu machen — was ihn trotz ſeiner günſtigen Verhältniſſe in der That in einige Verlegenheit geſetzt haben würde. Mit aufrichtiger Rührung erfüllte ihn daher bei Leſung des Teſtaments eine darin enthaltene Beſtimmung, nach welcher hinſichtlich der Rückzahlung des Capitals mit möglichſter Schonung für die Intereſſen des Amtmanns verfahren werden ſollte.
Dem Wunſche des Barons gemäß beſchleunigten wir unſere Abreiſe. Das Fräulein umarmte ihren Oheim mit aufrichtiger Rührung. Ja, ja, ſagte dieſer, es iſt traurig, daß du liebes Kind ſo von meiner Seite geriſſen wirſt; du fühlteſt dich ſo glücklich in dieſem Hauſe. Nun, ich hoffe, du wirſt den Weg dahin nicht vergeſſen und mit Erlaubniß deines Vormundes von Zeit zu Zeit mich beſuchen.
Und Sie, Herr Candidat, ſprach er, ſich zu mir wendend, wollen mich alſo auch verlaſſen?— Hätte man dies Alles vorausſehen können, ſo könnten wir noch lange zuſammenbleiben. Es thut mir wirklich leid. — Es iſt das Beſte ſo, verſetzt' ich trocken.
Im Wagen kam ich dem Fräulein gegenüber zu ſitzen; ich fühlte mich lebhaft an jene frühere Reiſe erinnert, wo wir uns zum erſten Mal ſo einander gegenüber fanden. Auch damals waren die Felder mit
Schnee bedeckt, und der kalte Nordwind ſauſ'te um die
Wagenfenſter, es war dieſelbe Tageszeit; die Däm⸗


