Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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280 Ernſt Andolt.

Die Frage war mit einer herzlichen Höflichkeit etont.

Es war der ſpecielle Wunſch Ihres Herrn Vaters, ſetzte er leiſe hinzu, daß Sie, ſobald es die Umſtände erlaubten, dieſes Haus mit dem meinigen vertauſchen möchten. Die Gründe ſpäter!

Der Baron hatte in dem Blick ſeines Auges etwas ſo Feſtes und Ehrliches, daß man ihm unwillkürlich folgen mußte.

Der edle Mann! rief jetzt Herr O., welcher inzwi⸗ ſchen das Teſtament geleſen, mit pathetiſcher Stimme. Ja, ſo war er immer ſanft ruhe ſeine Aſche! Ich könnte weinen, wenn es nicht gegen meine Grundſätze wäre. Sich dann an den Baron wendend, fuhr er fort: Sie werden mir geſtatten, von dieſem Actenſtück eine Abſchrift zu nehmen! Bitte, behalten Sie Platz. Auch Sie, Herr Friedmann. Vor Abend dürfen Sie mich nicht verlaſſen.

Verzeihen Sie, ſagte der Baron, wir müſſen ſofort reiſen, um noch bis Abend in Halberſtadt zu ſein, wo meine Frau das Fräulein voll Sehnſucht erwartet.

Meine Frau herrlicher Ausſpruch! mir fiel ein Stein vom Herzen. Ich will es nur geſtehen je mehr ich während der vorhergehenden Scene den Ba⸗ ron in ſeiner ſtattlichen Erſcheinung, ſeinem gewandten und vitterlichen Anſtand bewundern mußte: je bedenk⸗ licher erſchien mir die neue über Anna von Halden verhängte Vormundſchaft. Bei dem ſichtlichen Eifer, welchen er zeigte, das Fräulein ſo raſch als möglich von dannen zu führen, ſchien es mir kaum noch zweifel⸗ haft, daß er mit größerer Berechtigung als ſein Vor⸗ gänger die Heirathsgedanken desſelben adoptiren dürfte, und das alte Incidit in Scyllam etc. trat drohend vor meine Seele, als mir jene zwei Worte lieblich ins Ohr tönten und mich von dieſer neuen Sorge befreiten. Von nun an erſchien mir der Baron erſt in ſeiner wahren Gloire.