Teil eines Werkes 
22. Band = 4. Serie, 4. Band (1875) Euere Wege sind nicht meine Wege / von Hermine Wild
Entstehung
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Eine Nacht. 247

erfüllen, nach Helmſtedt in die Arme meiner ſchwer⸗ geprüften Mutter. Welch ein Wiederſehen! Ja, das waren glückliche Tage.

Aber ſie waren kurz. Meine Mutter lebte in den dürftigſten Verhältniſſen; und ſo ſehr ſie mir ihren Mangel unter einem Aufwand von Pflege und Froh⸗ ſinn zu verbergen ſuchte, ſo erröthete ich doch bei dem Gedanken, ihr anſtatt eine Stütze noch immer eine Bürde zu ſein. Ich hatte bereits an Herrn von Sta⸗ witz geſchrieben und die freilich wohl zu erwartende Antwort erhalten, daß die mir zugedachte Stelle längſt anderweit vergeben ſei. Ueber den Baron, für den ich ins Gefängniß gewandert, erfuhr ich bei dieſer Gelegen⸗ heit, daß er damals glücklich nach Rußland entkommen ſei und daſelbſt in der Armee Dienſte genommen habe. Auch von ihm war alſo vor der Hand nichts zu hoffen.

In dieſer niederdrückenden Lage erhielt ich von einem benachbarten Gutsbeſitzer, Amtmann O., die Auf⸗ forderung, gegen ein allerdings ſehr geringes Honvrar den Unterricht ſeiner Söhne zu übernehmen. Obgleich mir der Charakter des Mannes nicht eben günſtig ge⸗ ſchildert wurde, betrachtete ich doch dieſes Anerbieten als eine gütige Fügung des Himmels, wobei mich be⸗ ſonders der Gedanke beglückte, meiner armen Mutter in dieſen gefahrvollen Zeiten ſo nahe zu bleiben. Ich eilte daher, den Amtmann brieflich von der Annahme des Engagements zu benachrichtigen, und einige Tage darauf ſchickte er mir eine Caleſche, welche mich nach ſeinem Gute beförderte.

Ich langte gegen Mittag daſelbſt an und wurde ſogleich durch einen wohlgepflegten Gemüſegarten zu meinem neuen Patron geführt, welcher in einer dunklen Laube bei einer halbgeleerten Flaſche Burgunder ſaß und ſeine Pfeife rauchte. Ohne bei meiner Begrüßung ſich zu erheben, deutete er auf eine in der Laube be⸗ findliche Vank und befahl dem Bedienten, welcher mich zu ihm geführt hatte, noch ein Glas und eine Flaſche