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Gemäuer, das Sie rings um den Gipfel laufen ſehen?“
„Gewiß“, rief Dora, und lief voraus, um auf einem der umgeſtürzten moosbewachſenen Steinblöcke Platz zu nehmen.
„Ihr Irrthum iſt verzeihlich“, entgegnete Frater Heinrich, der vor Dora ſtehen blieb.„Dieſe Steinhaufen ſind jedoch nicht die Ueberreſte einer durch Brand oder Eroberung zerſtörten Ritterburg— wie das ganze Volk in der Umgegend meint— ſondern ſie haben hier eine jener großen Aſylſtätten vor ſich, in welchen die Ger⸗ manen bei Kriegszeit ſich und ihre Habe in Sicherheit brachten.“
Ach, wie ſchade!“ rief Dora.„Sie zerſtören alle meine Illuſionen uud Träume.“
„Von Junkern und Rittern, Burgfrauen und Edel⸗ fräuleins. Iſt es denn weniger pvetiſch, uns daran zu erinnern, daß wir hier auf einer Stätte ſtehen, die un⸗ ſern Vätern mit ihren Frauen und Kindern, mit ihrem Hab und Gut den letzten Zufluchtsort vor dem Andringen der römiſchen Fremdlinge bot? Es iſt wahrſcheinlich, daß auf dieſem Punkte, der die weiteſte und ungehindertſte Fern⸗ ſicht bot, Wachen aufgeſtellt waren, um die Germanen von den Ausfällen der Römer, deren befeſtigte Grenze ſich drü⸗ ben am linken Mainufer hinzog, in Kenntniß zu ſetzen.“
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