reiſen, um ſich dort niederzulaſſen. Er hatte in der genann⸗ ten Stadt ſeine Braut, deren Vater, ein Lohgerber, kuͤrzlich geſtorben war, und Ulrich, der demſelben Handwerk ange⸗ hörte, wollte nun das Geſchaͤft des Verſtorbenen uͤberneh⸗ men. Er war kein ungebildeter Menſch, allein es fehlte ihm die äußerliche Gewandtheit, die ſich uͤberall Geltung zu ver⸗ ſchaffen weiß; ſo blieb er mit ſeinem geſunden Verſtand und ſeinem treuen Gemuͤth auf die nächſte Umgebung beſchraͤnkt und war weit entfernt, groͤßere Anſpruͤche zu machen. Kannte er doch die Sphaͤre, in welcher er nicht blos ſcheinen, ſon⸗ dern in Wahrheit gelten konnte. Heinrich war ein Freund ſeiner Kindheit geweſen und ſie waren mit einander aufge⸗ wachſen, bis ſie die verſchiedene Beſtimmung aus einander fuͤhrte. Seitdem ſahen ſie einander nie, außer wenn ſie der Zufall zuſammenfuͤhrte, wie heute, und das geſchah freilich aͤußerſt ſelten.
„Es war doch anders und beſſer,“ ſagte Heinrich,„be⸗ vor wir durch Stand und Beruf geſchieden waren. Du erinnerſt dich doch, wie wir beiſammen lebten? Das war Freundſchaft, wie ihrer die ſpätern Jahre gar nicht mehr fähig ſind. Damals waren wir ächte Naturkinder, Men⸗ ſchen, frei vom Schmutz und Staub aller gemachten Ver⸗ hältniſſe. Dann wurden wir getrennt, denn du mußteſt die Lohgerberei lernen, ich ward Gymnaſiaſt und endlich Juriſt, und es ſieht nun wahrhaftig aus, als wären wir einander fremd.“
„Allerdings,“ erwiederte Ulrich,„es ſieht ſo aus und iſt in gewiſſer Hinſicht auch ſo. Ob es gut oder ſchlecht iſt,


