120
in die eine Hand den Malſtock und in die andere ſeine wenigen, zuſammengepackten Bettſtücken nahm.
„Sie ſind ja bepackt wie ein Kameel—“ rief Frau Woller, über den komiſchen Anblick die gemeinſame Noth vergeſſend—„und kommen ſo nicht einmal durch die Thüre, geſchweige die ſchmale Treppe hinab.“
„Ich werde mich immer hinab zur Frau Simon be⸗ geben—“ antwortete Corduan—„damit ich in der Nähe der Hausthüre bin, wenn es an's Flüchten, Plündern und Brennen geht. Alle 600 Häuſer von Hersfeld können die Krieger nicht zugleich ausplündern und bevor ſie an das unſrige gelangen, bin ich bereits über alle Berge.“
„Frau Simon ſammt deren Kinder finden Sie nicht daheim—“ rief Woller.„Sie ſind wohl die Einzigen in Hersfeld, welche ſich nicht um deſſen Plünderung und Einäſcherung kümmern. Frau Simon rennt alleweile von Pontius zu Pilatus und verlangt mit Ungeſtüm die Freilaſſung ihres Mannes. Es verſteht ſich, daß niemand jetzt auf ihr Begehren hört und ſie überall abgewieſen wird.“
Hier trat Thereſe, welche bei einem Bäcker einige Brote als Vorrath für die Flucht hatte einkaufen ſollen, in die Stube.
„Kein Biſſen Brots iſt in der ganzen Stadt aufzu⸗ treiben—“ klagte das Mädchen—„Kein einziger Bäcker hat heute gebacken. Aber Meiſter Schöppel hat mir eine Metze Roggenmehl geſchenkt, weil es ſonſt nur mit ver⸗ brennen müßte. Und wie ich in unſere Hausthüre treten will— wer kommt da an einem Stocke angehinkt und


