Teil eines Werkes 
4. Abt., 2. Bd. (1863)
Entstehung
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Reinheit Coſettens, und Coſette fühlte eine Stütze, die Recht⸗ ſchaffenheit Marius'. Der erſte Kuß war auch der letzte geweſen. Marius war ſeitdem nicht weiter gegangen, als mit ſeinen Lippen die Hand oder das Tuch oder eine Locke von dem Haar Coſettens zu ſtreifen. Coſette war für ihn ein Wohlgeruch und nicht ein Weib. Er athmete ſie ein. Sie verweigerte nichts und er verlangte nichts. Coſette war glücklich und Marius zufrieden. Sie lebten in dieſem göttlichen Zuſtande, den man die Verblendung einer Seele für eine andere Seele nennen könnte.

In dieſer Stunde der Liebe, wo die Wolluſt gänzlich unter der Allmacht des Entzückens ſchwieg, wäre Marius, der reine und ſeraphiſche Marius, eher fähig geweſen, zu einem öffentlichen Mädchen zu gehen, als das Kleid Co⸗ ſettens nur bis zu ihrem Knöchel zu erheben. Einmal bei hellem Mondſchein bückte ſich Coſette, um Etwas vom Boden aufzuheben. Ihr Leibchen öffnete ſich dabei ein wenig und ließ ihren keuſchen Buſen ſehen; Marius wendete die Augen ab.

Was ging zwiſchen dieſen beiden Weſen vor? Nichts. Sie beteten ſich an.

Wenn ſie bei einander waren, in der Nacht, ſchien dieſer Garten ein lebendiger und heiliger Ort zu ſein. Alle Blumen öffneten rings umher ihre Kelche und ſendeten ihnen Wohlgerüche zu; ſie öffneten ihre Seelen und ergoſſen ſie in die Blumen. Die üppige und kräftige Vegetation bebte in Luſt und Trunkenheit um dieſe beiden unſchuldigen Ge⸗ ſchöpfe, und ſie ſprachen Worte der Liebe, über welche die Blumen erzitterten.

Was waren dieſe Worte? Hauche. Nichts weiter. Dieſe Hauche genügten, um die Natur zu beunruhigen und aufzuregen. Man nehme dem Geflüſter der beiden Lieben⸗ den die Melodie, die aus der Seele quillt und ſie begleitet wie eine Leier, und was übrig bleibt, iſt nichts als Schatten. Wie, wird man ſagen, nichts weiter? O ja; Kindereien,