13
Spaziergangs ihn zum zweiten Male bei der Bank vorüber⸗ führte und er ſie aufmerkſam betrachtet hatte, erkannte er, daß es dieſelbe ſei. In ſechs Monaten war das kleine Mädchen zur Jutfrau geworden; das war Alles. Nichts iſt häufiger, als die Phänomen. Es giebt einen Augen⸗ blick, in welchem die Mädchen in einem Nu aufblühen und plötzlich aus der Knospe zur Roſe werden. Geſtern verließ man ſie als Kind und heute findet man ſie be⸗ unruhigend wieder.
Dieſe war nicht nur gewachſen, ſie hatte ſich ideali⸗ ſirt. Wie drei Tage im April gewiſſen Bäumen genügen, um ſich mit Blüthen zu bedecken, ſo hatten ſechs Monate ihr genügt, um ſich in Schönheit zu hüllen; ihr April war gekommen.
Man ſieht zuweilen Leute, welche arm und kleinlich zu erwachſen ſcheinen, plötzlich aus der Noth zum Glanz über⸗ gehen, Ausgaben aller Art machen und dann unerwartet ganz ſtrahlend und herrlich werden. Das rührt aus einer eingeſteckten Rente her; ſie machten geſtern eine Erbſchaft. Das junge Mädchen hatte ihre halbjährige Rente einge⸗ zogen.
Und dann war es auch nicht mehr die Penſionairin mit ihrem Plüſchhut, ihrem Marinokleid, ihren Schülerin⸗ nenſchuhen und ihren rothen Händen; mit der Schönheit war ihr auch der Geſchack gekommen; ſie war eine Perſon, gut gekleidet, mit einer Art einfacher und reicher Eleganz und ohne Ziererei. Sie trug ein Kleid von ſchwarzem Damaſt, ein rundes Mäntelchen von demſelben Stoff und einem weißen Crephut. Ihre weißen Handſchuhe zeigten die Feinheit ihrer Hände, welche mit den Elfenbeingriff eines Sonnenſchirmes ſpielten, und ihre ſeidenen Halbſtie⸗ felchen verriethen die Kleinheit ihres Fußes. Wenn man an ihr vorüberging, hauchte ihr ganzer Anzug einen jugend⸗ lichen und angenehmen Wohlgeruch aus.


