XIII.
Der kleine Gavroche.
Acht oder neun Jahre ungefähr nach dem Ereigniſſe, welches wir in der zweiten Abtheilung dieſer Geſchichte er⸗ zählten, ſah man auf dem Boulevard du Tennle und in den Umgebungen des Chateau⸗d'Eau einen kleinen Knaben von elf bis zwölf Jahren, der ziemlich entſchieden jenes weiter oben geſchilderte Ideal des Gamin verwirklicht hätte, wenn er nicht neben dem Lachen ſeines Alters auf den Lippen ein durchaus finſteres und leeres Herz gezeigt hätte. Dieſes Kind trug zwar eine Männerhoſe, aber es hatte ſie nicht von ſeinem Vater, und eine Weiberjacke, aber es hatte ſie nicht von ſeiner Mutter. Irgend welche Leute hatten ihn aus Mitleid mit dieſen Lumpen bekleidet. Gleichwohl hatte er einen Vater und eine Mutter. Aber ſein Vater dachte nicht an ihn und ſeine Mutter liebte ihn nicht. Es war eines jener Kinder, des Mitleids beſonders würdig, und die, obgleich ſie einen Vater und eine Mutter haben, Waiſen ſind.
Dieſes Kind fühlte ſich nirgends ſo behaglich wie auf der Straße. Das Straßenpflaſter war für daſſelbe minder hart als das Herz ſeiner Mutter.
Seine Eltern hatten ihn mit einem Fußtritt in das Leben hinaus geſtoßen.
Er nahm ganz einfach ſeinen Lauf.
Es war ein lärmender, bleicher, flinker, aufgeweckter, poſſenhafter Knabe mit lebhaften und krankhaften Weſen. Er ging, kam, ſang, ſpielte, ſuchte in den Rinnſteinen, ſtahl


