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Wir müſſen hier jede perſönliche Theorie bei Seite ſetzen, denn wir ſind nur Erzähler, ſtellen uns auf dem Ge⸗ ſichtspunkt Jean Valjeans und beſchreiben deſſen Eindrücke.
Er hatte den erhabenen Gipfel der Selbſtverleugnung vor Augen, die höchſte Zinne der möglichen Tugend, die Unſchuld, welche den Menſchen ihre Fehler verzeiht und ſie an ihre Stelle führt; die Knechtſchaft, die Tortur, die Stra⸗ fen durch Seelen auf ſich genommen, welche keine Sünden begingen, um die Seelen, die gefehlt hatten, zu ſühnen, die Liebe zur Menſchheit aufgehend in der Liebe zu Gott; ſanfte, ſchwache Geſchöpfe, welche das Elend derer trugen, die be⸗ ſtraft wurden, und das Lächeln derer, die belehrt wurden.
Er erinnerte ſich daran, daß er es gewagt hatte, ſich zu beklagen!
Oft ſtand er mitten in der Nacht auf, um die Dank⸗ gebete jener unſchuldigen, der Strenge unterworfenen Ge⸗ ſchöpfe zu hören, und er erbebte dann innerlich, wenn er daran dachte, daß die, welche mit Recht geſtraft wurden, ihre Stimme nur zum Himmel erhoben, um ihn zu läſtern, und daß er, der Elende, Gott mit der Fauſt gedroht hatte.
Tiefes Nachdenken erweckte in ihm den Gedanken, daß er eben jene Mittel, die er anwendete, um aus dem Bagno zu entſpringen, auch anwendete, um an dieſem zweiten Orte die Sühnung zu erlangen. War das ein Symbol ſeiner Beſtimmung?
Dies Haus war ein Geheimniß und glich in finſterer Weiſe dem anderen Aufenthaltsorte, dem er entflohen war, und doch kamen ihm wie hier nie ähnliche Gedanken wieder in den Sinn.
Er ſah Gitter, Riegel, Eiſenſtangen, um wen zu be⸗ wachen? Engel.
Die hohen Mauern, mit denen er Tiger umgeben ge⸗ ſehen hatte, ſah er jetzt um Lämmer aufgeführt.
Es war ein Ort der Sühne, doch nicht der Strafe,


