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„Eil meine arme Nachbarin,“ ſagte ſie,„ich höre, 8
Eure Milch ſei plötzlich verſiegt, iſt das wahr?“ „Ach! mein Gott, ja, gute, liebe Frau Marie, und mein armer kleiner Jean, er weint, weil er Hunger hat.“ „Oh! das ſoll Euch nicht beunruhigen, Madeleine,“ ſprach Frau Marie,„zum Glück hat mir der Herr Milch
für zwei gegeben, und meiner kleinen Mariette hier iſt
es ganz lieb, wenn ſie mit ihrem Freunde Jean theilen darf.“
Und ohne auf das zu hören, was ihr Madeleine ſagte, nahm ſie den kleinen Jean aus ſeiner Wiege, ſetzte ſich in die Stube, legte ein Kind auf jeßes Knie, ent⸗ blößte mit der erhabenen Scheſihtett der Mütter, welche wiſſen, daß die öffentliche Verehrung ſie bewacht, ihre beiden Brüſte und gab jedem Kinde eine davon.
Da fiel Madeleine vor ihr auf die Kniee, faltete die Hände und weinte.
„Was macht Ihr denn da?“ fragte Frau Marle erſtaunt.
„Ich bete eine der dreigroßen chriſtlichen Tugenden an,“ erwiederte die arme Mutter,„ich bete die Nächſtenliebe an.“
Der kleine Jean trank, ſo lange er Durſt hatte, aus dieſem erſten Becher des Lebens, dem einzigen, der Honig an ſeinem Rande und keine Hefe auf dem Grunde hat.
Als er aber getrunken hatte, ſagte Frau Marie:
„Ich werde dreimal des Tags wiederkommen, um ihm ebenſo viel zu geben, und wenn er in der Zwiſchen⸗ zeit weint, ſo ruft Ihr mich. Ich bin nicht fern, und die Flaſche iſt da.“
Wonach ſie den kleinen Jean wieder ſeiner Mutter in die Arme gab, welche ihn an ihr Herz drückte und ganz weinend in ſeine Wiege legte.
Ach! der armen Madeleine ſchien es, als ſollte ſie weniger die Mutter ihres Kindes ſein, weil eine Andere es nährte. 2
Woher kam es nun, daß ſie weinte, die arme Frau


