Teil eines Werkes 
1.-4. Bdchn (1851)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

*

256

Schlüſſel einzudringen; es gibt keine Schlöſſer gegen ihn⸗ Gretchen fühlte ſich verloren. Und, o holliſches Geheimniß! ſo ſehr ſie erſchrocken

war und verzweifelte, war ſie doch beinahe entzückt. Sie

hatte eine bittere Freude bei dem Gedanken, der Dämon beſitze ſie. Sie war feſt überzeugt, Samuel würde kom⸗ men, und ſie erwartete ihn mit eben ſo viel Ungeduld, als Entſetzen. Eine Hälfte von ihr ſagte: Nun bin ich ge⸗ fangen; und die andere Hälfte ſagte; Deſto beſſer! Eine

entſetzliche Trunkenheit machte ihre Eiubildungskraft ſchwan⸗

ken. Der Schwindel der Hölle fing an ſie zu packen. Sie hatte Eile, ſich in die Verdammniß zu ſtürzen.

In einem Augenblick kehrte der Gedanke an Gottlob wieder zurück. Doch ſie ſah ihn nicht mehr wie kurz zuvor. Statt ſie träumen zu machen, war er ihr zuwider. Was wollte er von ihr, dieſer Bauer, mit ſeinen plumpen, rauhen Händen, mit den gemeinen Manieren, ſchwerfälli⸗ ger als ſeine Ochſen? Sie, eiferſüchtig auf Roſe? Ah! ja wohl! Der Mann, der Geliebte, den ſie wollte, wäre nicht ein Burſche mit Händen für den Pflug gemacht, es wäre ein junger Mann mit hoher Stirne, mit zarten Händen, mit tiefem, durchdringendem Auge, ein gelehrter junger Mann, vertraut mit den Pflanzen, die Mittel, die man für verwundete Hirſche und für verwundete Seelen braucht, wohl kennend, ein Mann, der zu heilen und zu tödten wüßte.

Das Geräuſch eines Trittes auf dem Sande machte, daß ſie ſich raſch erhob.

Sie riß die Augen weit auf.

Es war Samuel.