Teil eines Werkes 
2. Band (1872)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

721 Die reichen Leute litten wohl keine Noth, wenn auch unter ihnen Mancher ſich befand, der ſein ganzes Vermögen opfern mußte, um ſein Leben zu friſten.

Die Meiſten hatten vor der Belagerung ihre Frauen und Kinder aus Paris entfernt, und für Geld konnte man in Paris noch Man⸗ ches haben.

Man ſpeiſte in den Reſtaurants Eſel⸗ und Mauleſel⸗Filets, ge⸗ bratenes Fleiſch von Bären, Antilopen, Känguruhs und Straußen, man dort die ſchmackhafteſten Gerichte, ohne lange darnach zu fragen, woraus ſie beſtanden.

Der große Arbeiterhaufe war in die Nationalgarde eingereiht; die Leute gingen mit dem Gewehre auf der Schulter ſpazieren, der Müßiggang gefiel ihnen um ſo beſſer, als ſie daneben die Helden ſpielen konnten.

Jeder Nationalgardiſt empfing täglich ſeine Brod⸗ und Fleiſch⸗ Rationen und einen Sold von einem und einem halben Franken, dieſe Leute litten keine Noth, das Leben, welches ſie jetzt führten, ge⸗ fiel ihnen beſſer, als das der Arbeit.

Der Müßiggang führte zur Trunkſucht, Berauſchte ſah man zu jeder Stunde in allen Straßen, und täglich wurden Exceſſe verübt, die mit Angſt und Schrecken in die Zukunft blicken ließen.

Den Landleuten, welche vor der Belagerung nach Paris geflüchtet waren, hatte man die leeren Wohnungen der ausgewieſenen Deutſchen und der geflohenen Pariſer eingeräumt, ſie waren mit ihren Kühen, Schweinen, Hühnern und Enten in die vornehmſten Etagen eingezogen.

Im eleganten Salon war jetzt der Schweineſtall, in den Bou⸗ doirs und Bibliothekzimmern ſpazierte das Federvieh umher.

Indeß auch dieſe Leute ſtifteten einigen Nutzen. Man zwang ſie, die großen und weiten Felder, welche um Paris lagen, zu be⸗ ackern und Gemüſe zu pflanzen, bis dieſes ſo weit gediehen war, daß man es benutzen konnte, behalf man ſich mit den Kartoffeln und Pflanzen, welche tollkühne Marodeure in den verlaſſenen Gärten und Feldern unter dem feindlichen Feuer ſammelten.

Kamen dieſe Leute mit ihrer Beute in die Stadt, ſo wurden ſie ſchon vor den Thoren von Wucherern empfangen, welche dieſe Vorräthe zu hohen Preiſen ankauften, um ſie den reichen Leuten für den dop⸗ pelten und dreifachen Preis wieder zu verkaufen.

Die Theater und öffentlichen Vergnügungsorte waren längft ge⸗

K. 48