Jahrgang 
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Inwiefern? Man ſagt, ſein Verſtand habe gelitten. Davon habe ich nichts gehört, ſagte der Bankier überraſcht. Dann wird man's wohl verheimlichen wollen, der Firma wegen, erwiderte der Barbier.Begreiflich iſt es, der plötzliche Tod ſeines einzigen Sohnes muß ihn angegriffen haben, er hatte auf ihn ſeine Hoffnungen gebaut. Der alte Herr nickte gedankenvoll. Begreiflich wäre es, ſagte er,aber ich kann's doch nicht gut glauben. Der Barbier näherte ſich der Thüre. Trotz all' dieſem Elend wird die Hochzeit mit einem Glanze gefeiert, als ob ſie der Vermählung einer Fürſtentochter gelte, verſetzte er,es iſt unglaublich, was da Alles gegeſſen und ge⸗ trunken werden ſolll Da werden der Frau Schenk die Augen überlaufen, na, ich ſage Ihnen, die dünkelhafte Aufgeblaſen⸗ heit dieſer Frau überſteigt alle Grenzen! Der Heinrich iſt das Goldſöhnchen, ſeitdem er ſich mit der reichen Dame verlobt hat, die anderen Kinder gelten nichts mehr. Der Bankier ſchritt, nachdem der Barbier ſich entfernt hatte, lange nachdenklich auf und ab. Von außen Glanz, ſagte er nach einer Weile,aber wenn man einen Blick hinter die Couliſſen werfen kann, ſieht man ja oft das Elend und das Laſter! Da iſt es denn doch beſſer, die Zukunft ſeines Kindes dem ehrlichen, ſtrebſamen Handwerker anzuvertrauen, als dem reichen Wüſtling und Verſchwender! erwiderte Tante Thereſe.

Der alte Herr warf ihr einen Blick zu, der deutlich verrieth, daß er die Abſicht dieſer Antwort durchſchaute. In jedem Stande gibt's tugendhafte und laſterhafte Menſchen,

entgegnete er ruhig,man darf nicht das Kind mit dem Bade ausſchütten. Sie ſind nicht alle, wie dieſer Liebmann, Gott ſei Dank, aber man muß die Augen offen halten und nicht auf den 8 äußeren Schein allein gehen. Einſtweilen können wir uns freuen, daß Herr Liebmann ſich hier einen Korb geholt hat. 1 Er nahm nach dieſen Worten ſeinen Hut und ging hinaus.