10—
Der Wirth nickte, er war beſtürzt, verwirrt, die Hand, in welcher er die runde Doſe hielt, zitterte gewaltig.
„Das kommt davon!“ ſagte er.„Ich meine, Ihr hättet das Alles vorausſehen müſſen. Nun iſt es zu ſpät.“
„Zu ſpät?“ erwiderte der Schneider.„Die Beiden müſſen fliehen, wir wollen ſie ſchon hinausbringen. Nur Courage, es geht Alles, wenn man will.“
„Fliehen— wohin?“ fuhr der Wirth mit wachſender Erregung fort.„Das iſt leicht geſagt. Wenn man nicht ungezähltes Geld hat, wird man überall angehalten, einen Paß kann man jetzt nicht ſchaffen und—“
„Vater, beruhige Dich,“ unterbrach Otto ihn ruhig,„ſo ſchlimm iſt es noch nicht. Ich werde ſchon durchkommen, und wer weiß, ob dieſer Zwang zur Flucht nicht mein Glück iſt! Ich werde draußen etwas Tüchtiges lernen, mich namentlich auf den Maſchi⸗ nenbau werfen, und ich hoffe, wenn ich nach Jahr und Tag heim⸗ kehre, ſollt Ihr ſtolz auf mich ſein. Ich weiß, Du haſt mir ſchon manches Opfer gebracht, ich werde Dir ſtets dankbar dafür ſein, dies ſei das letzte, welches ich von Dir fordere.“
„Wohl geſprochen, junger Mann,“ ſagte der Schneider,„man muß in allen Fällen immer derjenige, welcher ſein. Den Kopf oben halten und vorwärts ſtreben. Mit der Zeit pflückt man Roſen.“
Er ging hinaus und der Barbier folgte ihm bald nachher.
Nikolas wollte in ſeiner Wohnung ſeine geringen Habſeligkeiten zuſammenſchnüren; er hatte weder Eltern noch Verwandte, ihm war der Abſchied leicht.
Nachdem Otto Ort und Stunde der Zuſammenkunft mit ſeinem Freunde verabredet hatte, folgte er mit ſchwerem Herzen dem Vater in das Familienzimmer, wohl wiſſend, daß ihn dort von Seiten der minder gutmüthigen Mutter heftige Vorwürfe und harte Worte erwarteten. Was er gethan hatte, bereute er nicht, ihn ärgerte es nur, daß er der Gewalt weichen mußte.


