Die beiden jungen Leute hatten ſich in das Hinterſtübchen
geflüchtet, dort waren ſie einſtweilen vor den Späheraugen ſicher.
Bertram Schenk ſchüttelte mißbilligend ſein kahles Haupt, als Otto ihm die Ereigniſſe berichtet hatte.
Er nahm aus ſeiner runden Horndoſe ſehr nachdenklich eine Priſe und ſeufzte dann einigemale tief auf.
„Daß ich das erleben muß!“ ſagte er.„Wie oft habe ich Dich gewarnt, Dir gerathen—“
„Lieber Vater, Vorwürfe ändern das Geſchehene nicht,“ fiel Otto ihm ins Wort.„Wenn man Alles vorausſehen könnte, würde Manches ungeſchehen bleiben.“
„Und doch iſt es auf der anderen Seite auch gut, daß man nicht Alles vorausſehen kann,“ verſetzte Nikolas, der nachdenklich vor ſich hingeblickt und dann und wann einen Zug aus dem Bierglaſe gethan hatte.„Ich bin jetzt kurirt, werde mich in der⸗ artige Geſchichten nicht mehr einlaſſen.“
Otto zuckte die Achſeln.
„Der Uebermacht muß Jeder weichen,“ ſagte er unmuthig, „hätten Alle die, welche müßig zuſahen, zugegriffen, wäre es An⸗ ders gekommen.“
„Wir wollen darüber nicht ſtreiten,“ erwiderte der Wirth, „jeder hat ſeine beſonderen Anſichten, ich meine aber, ein kleines Kind müſſe einſehen, daß man in einer Feſtung nicht revoltiren kann. Wenn Meiſter Braun wirklich ein Geheimer iſt, dann wird er Euch leider die Worte nicht vergeſſen, die Ihr ihm ge⸗ ſagt habt, und da meine ich, es ſei rathſam, Ihr machtet Euch bei Zeiten aus dem Staube. Wir erleben in der nächſten Zeit Manches, was uns nicht angenehm ſein wird.“
Der alte Mann wurde in dieſem Augenblick durch den Ein⸗ tritt zweier Stammgäſte unterbrochen, welche die Berechtigung zu beſitzen ſchienen, dieſes Hinterſtübchen zu jeder Tageszeit und ohne vorherige Anfrage benutzen zu dürfen.
Der ältere von ihnen war der Schneider Fritz Wacker, der jüngere der Barbier Caspar Gabel, beide hatten ſich der Freund⸗ ſchaft des Wirths durch die Aufrichtigkeit ihrer Geſinnungen und die edlen Seiten ihres Charakters erworben.
Die äußere Erſcheinung des Schneiders bot nichts beſonders Bemerkenswerthes, dagegen konnte man die des Barbiers als ſehr auffallend bezeichnen.
Auffallend wegen der langen Arme, auffallend ferner wegen der enormen Naſe in dem pockennarbigen Geſicht.
Dieſe Naſe war eine wahre Merkwürdigkeit, ſie gab in der
Schenkſtube den Gäſten oft Veranlaſſung zu ſehr intereſſanten Bemerkungen.


