Jahrgang 
1
Einzelbild herunterladen

324 2 O könnte ich, wie meine Spiele das begierige Volk hin⸗ reißen, ſo auch deinen Namen mit dauerndem Ruhme ſchmücken!

William, William, herrlicher, göttlicher Mann! rief Thekla, von einem ſeltſamen Gefühl ergriffen, und warf ſich an die Bruſt des Freundes. O ſchreibe mir dieſe Worte nieder, bringe ſie mir in Vers und Reim! Ich will ſie als Amulet in meinem Buſen, auf dieſem unſeligen Her⸗ zen tragen. O könnte ich dir ausſprechen, welche Beruhi⸗ gung du mir mit dieſem Gedanken gibſt, ich ſei deine Muſe! Ja, ich bin deine Muſe, ich lebe Gedichte für dich! Meine Schmerzen, meine Geheimniſſe verklären ſich durch dich zu rührenden und heitern Lebensſpielen. Meine Ver⸗ zweiflung wird deine Begeiſterung. Gib mir deine himm⸗ liſchen Worte auf Pergament! Ich bin dein! Dem Dichter gehöre ich an, dem Dichter thue ich kein Unrecht!

Sie ſank erſchöpft auf den Polſterſitz. Der Freund hielt ſie feſt in ſeinen Armen. Sie athmete kurz; ihr Herz ſchlug hörbar. William begriff dieſe Regungen nicht; er verſtand die Worte, nicht den leidenſchaftlichen Sinn.

Wie ſſie ſich langſam erholte, lächelte ſie ihn mit der ſüßeſten Schwermuth an. Dann ergriff ſie ihre Laute, und ſang, wie er ſie noch nicht ſingen gehört. Sein Herz ſchmolz, in trübe Empfindungen aufgelöſt.

So ſchied der Freund, als es ſchon tief in der Nacht war. Vom Fenſter herab in den Garten rief ihm Thekla lachend nach: Alſo morgen zu Roſalien!

Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig.