6
Krampf iſt vorüber, und Marie wird jetzt wieder meine ſanfte gute Tochter ſein!
Marie ſchlug die Augen auf und ſah mit ihrem gewohnten ruhigen und kalten Blick umher. Dann heftete ſie ihr Auge auf Lucinde, deren Geſicht von Thränen des Mitleids überfluthet war.
Weinen Sie nicht, ſagte ſie rauh, ich kann keine Thränen ſehen. Es iſt ſchon ſo lange her, daß ich nicht mehr weinen kann, und darum werde ich ärgerlich und neidiſch, wenn ich Andere weinen ſehe. Trocknet alſo Eure Augen und laßt uns ver⸗ nünftig ſprechen.
Vicht jetzt, nicht heute, ſagte Lucinde, welche einen neuen Wuthanfall befürchtete.
Nein, jetzt, antwortete Marie ernſt. Die Stunde der Rache iſt gekommen, und wir müſſen handeln und thätig ſein. Sagt mir Euren Plan. Was wollt Ihr thun?
Ich wollte vor allen Dingen ſuchen, ihn kennen zu lernen, und dann wollte ich ſehen, ob mein armes Geſicht, von dem die Thoren ſagen, daß es ſchön ſei und verführeriſch, ihn vielleicht auch ein wenig berücken und ſeine Vernunft umgarnen könnte.
Auf Mariens Antlitz leuchtete ein Strahl bos⸗ hafter Schadenfreude auf. Oh, ſagte ſie, dieſer
1. 13
——


