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Weiberthränen in Männeraugen? ſagte Nord⸗ heim, das ſcheint mir ſo unnatürlich, wie ein Piſtol in Mädchenhand!
Und warum ſollten Männer nicht weinen? fragte die Wirthin, während ſie des Soldaten Glas füllte, das derſelbe ſo eben auf einen Zug geleert!
Ja wohl, warum ſollten ſie nicht weinen, ſagte Nordheim, wie zu ſich ſelber, warum ſollten ſie nicht weinen über zertretene Rechte, verlorene Würde! Ja wahrlich, es gibt Nationen, wo auch die Männer ein Recht haben, Thränen zu vergießen, und wo Thrä⸗ nen die einzigen Thaten, die ihnen möglich, ſind. So ſollten wir Deutſche Alle an den Rhein gehen, unſere Schwerter hineinwerfen und unſere Thränen hinein⸗ weinen! Wahrlich, wenn dann von unſern Männer⸗ thränen die Waſſer höher anſchwellen, ihre Ufer über⸗ fluthen, und, weit das ſchöne Deutſchland überſchwem⸗ mend, Unfug und Bedrückung hinwegſchwemmen, wahr⸗ lich, dann können wir uns rühmen, wir deutſche Männer, daß wir etwas gethan haben, freilich nicht wie Männer mit dem Schwerte, ſondern wie Weiber mit Thränen! Mag es ſein, wenn nur etwas gethan wird, gleichviel wie?! So lange wir, die wir weinen möchten, das Land unſerer Thränen noch verlaſſen, und in ftemde Ländern weinen gehen, wird Alles
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