Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 4. Band (1859)
Entstehung
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689 Sie hier, meine Mutter, murmelte Napoleon zurücktretend. Ich hoffte, Sie hätten Frankreich ſchon verlaſſen, um in Rom ein Aſyl zu ſuchen, wie ich Sie darum gebeten hatte. Ich werde nach Rom gehen, um mit meinem Bruder zu weinen

und zu beten, ſagte Madame Lätitia mit feierlicher Würde, indem ſie

langſam vorwärts ſchritt, ihre großen Augen unverwandt auf den Sohn gerichtet, als wolle ſie ſeine Geſtalt tief und mit unvergänglichen Zügen in ihre Augen, in ihr Herz einprägen.

Ich werde nach Rom gehen, wiederholte ſie, und über ihr edles, antikes Geſicht flog jetzt ein ſtolzer, gebieteriſcher Ausdruck, als ſie fortfuhr: Die Feinde meines Sohnes ſollen aber nicht ſagen können, daß ſeine Mutter geflohen iſt, daß ſie Frankreich verlaſſen hat, bevor der Kaiſer, ihr Sohn, ſein Land aufgegeben und verlaſſen hatte. Jetzt, da Du Frankreich verlaſſen willſt, jetzt gehe auch ich, mein Sohn. Du gehſt in die Weite, ich gehe nach Rom, um in St. Peter für Dich zu beten. Mein Sohn, wir werden uns auf Erden nicht wiederſehen. Aber ich werde doch immer bei Dir ſein.

Sie ſchritt dicht zu ihm hin, und ihre beiden Hände auf ſeine Schultern legend, ſchaute ſie mit feſtem, flammendem Blick in das Antlitz ihres Sohnes.

Der Kaiſer erwiederte dieſen Blick, kein Zug ſeines bleichen, ſtolzen Angeſichts zuckte, nur ſeine Augen, welche denen ſeiner Mutter begeg⸗ neten, ſprachen zu ihr, und Lätitia verſtand die Sprache dieſer düſtern, flammenden Blicke. Unfern von ihnen ſtand Hortenſe, die Hände ge⸗ falten, das von Thränen überfluthete Angeſicht himmelwärts gewandt, die Lippen ſich bewegend in leiſem Gebet.

Immer noch ſtand Madame Lätitia da, die Hände auf die Schul⸗ tern ihres Sohn gelegt, ihn feſt anſchauend, aber ihre Augen waren jetzt düſter geworden, und zwei große Thränen rannen langſam über ihre Wangen nieder.

Lebe wohl, mein Sohn, ſagte ſie jetzt laut und feierlich.

Lebe wohl, meine Mutter! rief der Kaiſer, eben ſo laut, eben ſo feierlich.

Mithlbach, Napoleon. IV. Bd. 44