Teil eines Werkes 
4. und letzte Abtheilung, Die Wiener Conferenzen : 2. Band (1859)
Entstehung
Einzelbild herunterladen

200

ſollte man meinen, dieſesDamals ſei geſtern geweſen, denn Sie, Sie ſehen noch ganz genau ſo aus wie damals, als ich zum erſten Mal zu Ihren Füßen kniete, und Ihnen ſchwur, daß ich Sie ewig lieben würde. Die ewige Jugend thront auf Ihrer Stirn, und wenn Ihr Herz ſeitdem geſtorben iſt, ſo muß es doch vorher keine große Leidens⸗ und Paſſionsſtationen durchwandelt haben, denn Ihre Schön⸗ heit hat nicht davon gelitten. Sie ſind noch immer das junge Weib von ſechszehn Jahren, und wenn ich Sie anſehe, ſcheint mir, ich bin auch wieder der junge, ſchüchterne Diplomat von zwanzig Jahren, der in Dresden von Ihnen ſeine erſten Lectionen über den Umgang mit Frauen empfing.

Still, ſtill, flüſterte die Fürſtin mit einem zauberhaften Lächeln, ſprechen Sie nicht weiter, ſonſt wird die Herzogin von Sagan eifer⸗ ſüchtig, und mag vermeinen, ich habe ihr ihren glühenden Anbeter und Liebhaber, den Fürſten Metternich, geraubt. Schauen Sie nur, Fürſt, wie ſie hinter dem Fächer nach uns herüber ſchaut; ihre Augen ſind wie zwei Dolchſpitzen, die ſich in mein Angeſicht bohren möchten. Ah, ich fürchte mich, beim Himmel, ich fürchte mich.

Und die Fürſtin ſchlug ihren großen Fächer auseinander und hielt ihn gleichſam zum Schutz vor ihr lachendes Angeſicht.

Sie ſind bezaubernd, ſagte Metternich lächelnd, ich ſah nie eine talentvollere Schauſpielerin. Selbſt der Bigottini ſind Sie überlegen an Meiſterſchaft der Mimik.

Fürſt, wenn die Herzogin Sie hört,

Ah bah, mag die Herzogin mich hören und meine Gemahlin dazu, ſagte der Fürſt faſt unwillig, ich fürchte mich nicht vor ihnen Allen, ich bete Sie an, Fürſtin, Sie wiſſen es wohl, und es iſt grauſam, daß Sie Sich immer den Anſchein geben, es nicht wiſſen zu wollen.

Oh, rief die Fürſtin lachend, es geht alſo Etwas vor? Sie be⸗ dürfen alſo meiner? Ich ſoll Ihnen alſo zu irgend Etwas meine Hand bieten? Bei irgend Jemand Ihnen behülflich ſein? Was iſt's denn, Fürſt? Was giebt's, daß Sie meiner bedürfen, und womit ſoll ich Ihnen dienen? Denn wenn Sie Ihre ſchönen zarten Hände auf

die Claviatur meines Herzens legen, und das ſchöne melancholiſche