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den Aufruf vorgeleſen und ſie ermahnt hatte, dem Ruf des Vaterlandes zu folgen. Eine Deputation der jungen Freiwilligen hatte ſich alſo zu Schleiermacher, dem berühmten Kanzelredner, verfügt und ihn gebeten, ihnen zu ihrem ernſten Beginnen den Segen der Kirche zu geben, und Schleiermacher hatte ihrer Bitte freudig gewillfahrtet.
Nach der Dreifaltigkeitskirche alſo bewegte ſich jetzt der Zug der Freiwilligen. Draußen vor der Thür legten die jungen Krieger ihre Waffen ab und ſtellten ihre Büchſen rings an der Mauer der Kirche auf, dann traten ſie in die hellerleuchtete Kirche.
Dort harrten ihrer ihre Mütter, Schweſtern und Bräute, ſie mit ſtrahlenden Liebesblicken begrüßend, ſie zu ſich winkend auf den frei erhaltenen Platz neben ihnen, damit ſie zum letzten Mal Seite an Seite gedrückt neben einander ruhen, damit ſie zum letzten Mal Hand in Hand zu Gott beten könnten.
Und nun begann die Orgel ihre vollen Accorde ertönen zu laſſen, und mit ſtarker jubelnder Stimme tönte von Aller Lippen das herrliche, kraftvolle Lied:„In allen meinen Thaten laß ich den Höchſten rathen.“
Noch rauſchten die letzten Klänge des ſchönen Liedes durch die
weiten Kirchenhallen, da erſchien drüben auf der Kanzel ſchon das edle, geiſtſtrahlende Angeſicht Schleiermachers. Sein Auge leuchtete heute, wie es ſonſt nie gethan, ſeine Stimme war begeiſtert und mächtig, wie ſie niemals geweſen, und nie zuvor hatte er mit ſo hinreißender Be⸗ geiſterung, ſo energiſcher Kraft, ſo edlem Freiheitsmuth in dieſer Kirche geſprochen, als er es heute that. P. Stille, feierliche Stille herrſchte ringsumher, Jeder lauſchte mit angehaltenem Athem den begeiſterten Worten des Propheten einer neuen, beſſern Zeit, Jeder ſchwur ſich in ſeinem Herzen, immer eingedenk zu vleiben der edlen hochherzigen Ermahnungen, welche Schleiermacher jetzt zum Schluſſe ſeiner Rede an die Jünglinge richtete und rein ſeine Hände zu erhalten im Dienſt der reinen Sache.
Ernſte, feierliche Stille herrſchte unter den Zuhörern. Bei Gott waren die Gedanken Aller, zu ihm hatten ſich Aller Herzen erhoben. Aber jetzt ward die Stimme Schleiermacher's weicher, ſein ſtrahlendes Auge, welches bisher gen Himmel gerichtet geweſen, ſenkte ſich nieder⸗
Mühlbach, Napoleon. III. Bd. 20


