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und langweilig iſt? Unſere zweite Mutter, die Frau Kaiſerin Ludovica, iſt gewiß eine ſehr liebenswürdige, fromme und tugendhafte Dame, aber ſie hält uns wahrſcheinlich immer noch für kleine Kinder, die in die Kinderſtube gehören, und es fällt ihr deshalb nicht ein, daran zu denken, daß für junge Fürſtinnen unſeres Alters auch einige Feſtlich⸗ keiten und Zerſtreuungen nothwendig ſind. Den ganzen Winter haben wir in unerträglicher Stille und Eintönigkeit verlebt, jetzt ſind wir ſchon am Ende der Februar und haben noch nicht einen einzigen Hofball gehabt. Ach, Louiſe, es hat doch auch ſeine Unbequemlichkeit und Laſt, eine Prinzeſſin zu ſein. Alle jungen Mädchen unſeres Alters können frei und ungehindert das Vergnügen genießen, Bälle beſuchen, in Con⸗ certe und Geſellſchaften gehen, wo ſie viele neue Geſichter, viele in⸗ tereſſante Menſchen ſehen. Wir dürfen das Alles nicht, wir müſſen warten, bis das Vergnügen uns aufſucht, und unglücklicherweiſe denkt es gar nicht an uns! Wir dürfen nicht zu andern Leuten in's Haus gehen, keine Einladungen zu Bällen, Concerten und Geſellſchaften an⸗ nehmen; ein ſteifer Hofball, bei dem wir einige Stunden erſcheinen und mit den erſten und vornehmſten Cavaliers tanzen dürfen, das iſt unſer einziges Vergnügen, und auch dies entzieht man uns jetzt. Wir leben ja wie Gefangene in unſern Gemächern, und werden auch darin bewacht, wie Gefangene.
Ja, das iſt wahr, ſeufzte Marie Louiſe, und wir haben einen ſehr ſtrengen Kerkermeiſter an der Frau Gräfin Colloredo. Weißt Du, Polde, ich habe heute eine heftige Scene mit unſerer Frau Oberhof⸗ meiſterin gehabt.
Ach, das freut mich, das freut mich, rief Leopoldine lachend. Was gab es denn?
Ich wollte leſen und bat geſtern die Oberhofmeiſterin, mir neue Bücher zu geben. Sie vertagte es auf heute, und heute bringt ſie mir ein Buch, das ich verlangt hatte, die Jungfrau von Orleans von Schiller. Aber verſtümmelt und verunſtaltet, wie alle Bücher, die man uns giebt. Ganze Seiten waren ausgeſchnitten, und auf allen Seiten, die geblieben, fanden ſich dieſe dicken, unerträglichen ſchwarzen Striche, die einzelne Zeilen und Worte unleſerlich machen, und welche die


