einek 1
401
Mann ſehr krank? Oh, ich habe es in Ihren Mienen geleſen, an Ihrer Bewegung erkannt, mein lieber, herrlicher Stein iſt ſehr krank und Sie haben wenig Hoffnung für ihn.
Er iſt ſehr krank, ſagte der Arzt ſinnend, aber ohne Hoffnung bin ich nicht. Irgend ein unvorhergeſehener Umſtand kann uns zu Hülfe kommen und die Seele zur Energie und Kraft aufrichten, dann wird ſie auch den Körper nach ſich ziehen. Wäre es der Körper allein, welcher litte, ſo würde ich in meiner Wiſſenſchaft ſchon Mittel und Wege der Heilung für eine Krankheit wiſſen, die an und für ſich leicht zu kuriren iſt. Das Tertial⸗Fieber gehört weder zu den acut gefähr⸗ lichen, noch zu den ſchlimmen Krankheiten. Aber hier iſt die Krankheit nicht für ſich beſtehend, ſondern ſie iſt nur die äußere, körperliche Blüthe der Krankheit, die in der Seele wurzelt. Wenn wir die Seele kuriren könnten, würde der Körper bald geſunden.
Aber woher ſoll in dieſen trüben Zeiten die Geneſung für ſeine Seele kommen! ſagte Frau von Stein traurig. Der Gram um Preußen nagt an ſeiner Seele, und alle die Kränkungen und Mißkennungen, die er gerade von Denen erfahren, welchen er mit ſo viel Hingabe, Aufopferung und Treue gedient hat, haben ſich wie vergiftete Nadeln in ſein Herz eingebohrt und hören nicht auf zu ſchmerzen und zu ſtechen. Oh, ich werde es dem König von Preußen nie vergeben können, daß er meinen hochherzigen, edlen und Preußen ſo ſehr ergebenen Gemahl ſo bitter kränken und demüthigen, ihn ſo ſehr verkennen, ſo grauſam beſchuldigen konnte. Ihn, den beſten, den verſtändigſten und ergebenſten aller ſeiner Beamten, hat er einen aufrühreriſchen Kopf genannt, ihn hat er des Eigenſinns, des Hochmuths und der Rechthaberei beſchul⸗ digt und ihn einen widerſpenſtigen, trotzigen, hartnäckigen und unge⸗ horſamen Staatsdiener genannt. Oh, glauben Sie nur, das iſt es, was an Steins Seele nagt, was ihn krank gemacht hat. Der König von Preußen trägt an ſeiner Krankheit die Schuld, er hat ſeine Seele und ſein Herz zu tief gekränkt, den Stolz des Mannes zu tief und ungerecht gedemüthigt, daß niemals eine Verſöhnung, eine Ausgleichung mehr möglich iſt. Woher alſo ſoll da die Heilung und die Beſſerung kommen? Stein lebt, denkt und betrübt ſich nur für Preußen, und
Mühlbach, Napoleon. II. Bd. 26


