Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Napoleon und Königin Louise;; 3. Band (1859)
Entstehung
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l. Berr von Stein.

In dem Hauſe des Herrn Carl von Stein herrſchte ſeit mehreren Wochen ſchon die tiefſte Niedergeſchlagenheit und Trauer. Mit ver⸗ weinten Augen, mit trübem Antlitz gingen ſeine Kinder umher und ſchienen, ſo oft ihre Mutter, die Freiherrin von Stein, aus dem Zim⸗ mer ihres Gemahls auf einen Moment zu ihnen kam, in ihren Mienen nach Troſt und Hoffnung zu ſuchen. Aber das blaſſe Antlitz der Frei⸗ herrin von Stein ward jeden Tag düſterer und umwölkter, und der Hausarzt, der täglich mehrmals das Haus beſuchte, ward jeden Tag ſchweigſamer und ernſter.

Herr von Stein war krank, und ſeine Krankheit war eine von denjenigen, die ſchwer zu heilen ſind, weil der Sitz des Uebels weniger in dem Körper, als in der Seele zu ſuchen iſt.

Das Unglück Preußens hatte Stein darnieder geworfen. Innerlich trank und gebrochen, hatte er zu Anfang des Jahres 1807 nach jener heftigen Scene mit dem König Friedrich Wilhelm Königsberg verlaſſen und ſich in kleinen Tagereiſen nach Naſſau begeben. Dort war er mit ſeiner Familie zuſammengetroffen, dort hatte er ſeitdem in ſtiller Zurück⸗ gezogenheit, in ſchweigendem Kummer gelebt. Niemals hatte er ge⸗ klagt, niemals irgend eine Verſtimmung geäußert, aber ſein Antlitz war immer bleicher, ſein Gang immer ſchleppender und matter ge⸗ worden, und endlich hatte er den Thränen ſeiner Gemahlin, den Bitten ſeines Hausarztes nachgegeben und Arze gebrauchen und das Bett

üten müſſen.