Teil eines Werkes 
2. Abtheilung, Napoleon und Königin Louise;; 1. Band (1859)
Entstehung
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Napoleon zuckte die Achſeln und wandte dann ſein Haupt ein wenig zur Seite nach Talleyrand hin.

Leſen Sie uns doch den Brief laut vor, Herr Miniſter, ſagte er, ich ſelber habe ihn erſt oberflächlich geleſen. Da Sie, Prinz, vielleicht in diefen Tagen der Unruhe keine directen Nachrichten von dem König erhalten haben, mögen Sie aus dieſem Brief über ſeine Lage und ſeine Geſinnung ſich unterrichten. Leſen Sie, Herr Miniſter! Und Sie, Prinz, ſetzen Sie ſich!

Er deutete mit der Hand auf einen der vergoldeten Seſſel hin, die da unfern von der Thür an der Wand ſtanden. Prinz Auguſt in⸗ deſſen nahm dieſe gnädige Einladung nicht an. Er verneigte ſich und ſagte lächelnd: Erlauben Ew. Majeſtät, daß ich ſtehe, denn mein Anzug paßt wenig zu den vergoldeten Seſſeln, und einem armen Vagabunden, wie ich es bin, ziemt es wohl, demüthig an der Thür zu ſtehen. Zu⸗ dem bringt es bei uns in Preußen die Etiquette mit ſich, daß wir ſtehend den Worten unſers Königs und Souverains zuhören.

Leſen Sie, Talleyrand, ſagte der Kaiſer, und indem er ſich nach⸗ läſſig und bequem in den Lehnſtuhl zurückwarf, heftete er ſeine Augen feſt auf den Prinzen, um in ſeinem Antlitz den Eindruck zu leſen, den der Brief des Königs auf ihn machen würde.

Talleyrand erhob jetzt ſeine Stimme und las:

Mein Herr Bruder! Als ich Ew. Kaiſerliche Majeſtät um Frieden bat, berieth ich mich mit meiner Vernunft, aber ich habe mich jetzt auch mit meinem Herzen berathen. Ungeachtet der fürchterlichen Opfer, welche Sie, Sire, mir ſo eben auferlegen, wünſche ich dennoch auf das Leb⸗ hafteſte, daß der Friede, der bereits durch die Annahme der Grund⸗ bedingungen geſichert iſt, mich recht bald berechtigen möge, mit Ew. Kaiſerlichen Majeſtät wieder in die freundſchaftlichen Beziehungen zu treten, die der Krieg nur auf einen Augenblick unterbrochen hat. Es iſt mir eine angenehme Pflicht, mein Herr Bruder, durch einen Beweis des Vertrauens meinen aufrichtigen Wunſch an den Tag zu legen, un⸗ ſere Freundſchaft zu cultiviren, und ich glaube Ew. Kaiſerlichen Ma⸗ jeſtät dieſen Beweis zu liefern, indem ich, ohne nur die Unterzeichnung