Sie ſind der Hofrath Johannes Müller? fragte Thugut nach einer Pauſe mit etwas barſchem Tone.
Ja, ich bin Johannes Müller, ſagte dieſer, und das Lächeln umſpielte jetzt ſchon wieder ſeine Lippen. Ich danke Ew. Excellenz für dieſe wohlthätige und heilſame Frage.
Was meinen Sie damit? fragte Thugut verwundert. Warum nennen Sie meine Frage wohlthätig und heilſam?
Weil ſie eine gute Lehre in ſich ſchließt, Excellenz, und weil ſie mich benachrichtigt, daß Diejenigen Unrecht haben, welche aus mißver— ſtandener Gutherzigkeit mir einreden möchten, daß ich eine bekannte Perſönlichkeit ſei, und daß Jedermann in Wien mich kenne. Es iſt allemal nützlich, wenn ein Schriftſteller von Zeit zu Zeit an ſeine Kleinheit und Unbedeutendheit erinnert wird, denn das bewahrt ihn vor Hochmuth, und der Hochmuth iſt allemal das erſte Symptom geiſtigen Rückſchritts.
Thugut heftete ſeine Augen mit einem grollenden Ausdruck auf das Antlitz des Gelehrten. Wollen Sie mir eine Lehre geben? fragte er heftig.
Nicht im Geringſten, Excellenz, ſagte Johannes Müller ruhig, ich wollte nur meinen Dank motiviren. Und jetzt erlauben mir Ew. Excellenz wohl die Frage: Welchem Umſtand verdanke ich die Ehre, zu Ew. Excellenz gerufen zu ſein?
Nun, ich wollte Sie kennen lernen, Herr Hofrath, ſagte Thugut, ich wollte nicht länger der einzige Wiener ſein, welcher den berühmten Geſchichtsſchreiber der Schweiz und des„Fürſtenbundes“ yicht von Angeſicht geſehen hat. Sie ſehen, mein Herr, ich kenne wenigſtens Ihre Werke, wenn ich auch Ihre Perſon nicht kannte.
Und an letzterer hatten Excellenz gar nichts zu gewinnen, es iſt nicht eine Bekanntſchaft, die ſich der Mühe verlohnt, ſagte Müller ſanft. Wir Leute aus der Studirſtube wiſſen weniger mit der Zunge als mit der Feder zu ſprechen, und unſer Schreibtiſch allein iſt unſere Rednerbühne.
Und da ſind Sie ein gar großer und mächtiger Redner, mein
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