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allein war Zeugin all dieſer kleinen Geheimniſſe und Kunſtgriffe, mit denen Joſephine, die Frau von drei und dreißig Jahren, ihrer Schönheit zu Hülfe kommen mußte. Aber nur der Kopf bedurfte ein wenig der Nachhülfe, die Geſtalt war noch jugendlich, anmuthig und von ſchönen, vollen Formen, und als Joſephine ihre Toilette jetzt vollendet hatte, war ſie wirklich von bezaubernder Schönheit und Anmuth. Ihre Augen waren ſo ſtrahlend und feurig, ihr Lächeln ſo lieblich und ſiegesgewiß; und das ſchwere, weiße Seidengewand unfloß eng nnd feſt ihre Ge⸗ ſtalt und ließ deren ſchöne Formen und Contouren erkennen.
Jetzt noch ein wenig Schmuck, ſagte Joſephine, gieb mir Brillanten, Amelie, Bonaparte liebt das Funkelnde, Glänzende. Komm, ich will ſelbſt ausſuchen!
Sie nahm aus Amelie's Händen die große Caſſette, in welcher alle ihre Schmuckkäſten ſich befanden, und überflog ſie mit lächelndem Blick. Wie reich Italien iſt an Koſtbarkeiten und Goldgeſchmeide, ſagte ſie mit leiſem Kopfſchütteln. Als ich vor einigen Monaten von Paris hinkam, hatte ich nur drei Schmuckkäſten und es war nicht viel Koſtbares darin, jetzt zähle ich hier vier und zwanzig Etuis und welche herrliche Dinge ſind darin enthalten.*) Siehe dieſe koſtbaren Perlen, die mir der Marquis Lambertin als Andenken gegeben. Er iſt ein alter Mann und ich durfte ſeine Bitte nicht abſchlagen. Dieſes Etui enthält ein Bracelet, das mir Mancini, der letzte Doge von Venedig, verehrt und von dem er behauptet, daß Benvenuto Cellini es für eine ſeiner Urältermütter gearbeitet hat. Dieſen Schmuck von Corallen und Brillanten gab mir neulich die Stadt Genua, als ſie mich um Schutz anflehte und mich bat, für ſie bei Bonaparte zu ſprechen. Und hier— Aber mein Gott, hörſt Du das Schreien und Rufen? Was bedeutet das? Sollte Bonaparte—
*) Joſephine hatte nicht allein in Italien ſehr viele Schmuckſachen gekauft, ſondern ſie hatte auch ſehr viele und die koſtbarſten und auserleſenſten Dinge zum Geſchenk erhalten. Jede italieniſche Stadt, in welcher ſie erſchien, beeiferte ſich, ihr Geſchenke und Huldigungen darzubringen, die Joſephine, nicht aus Eigennutz, aber um die Geber nicht zu betrüben, freundlich annahm. Siehe: Denkwürdiger Rheiniſcher Antiquarius II. 2. S. 575.
Mühlbach, Napoleon. 1. Bd


