Ich weiß Alles, was Du mir ſagen und wie Du mich ermahnen willſt! Ich habe es wohl gehört, mit welchem verächtlichen Ton Dein Bräu⸗ tigam mich die Maitreſſe des Fürſten von Reuß genannt hat! Ent ſchuldige ihn nicht, und leugne es nicht, ich habe es gehört. Ich könnte darauf erwidern, was jüngſt Frau von Balbi geſagt hat, als man ſie verächtlich die Maitreſſe des königlichen Prinzen von Artvis ſchalt: Le sang des princes ne souille pas! Aber ich will mich nicht ent ſchuldigen, ſondern Ihr Alle ſollt eines Tages Euch bei mir entſchul— digen müſſen! Denn ich ſage Dir, Fanny, ich gehe meinen Weg und ich habe mein Ziel vor Augen! Es iſt ein großes, ein herrliches Ziel! Die ganze Welt will ich vor meinen Füßen ſehen, vor der Jüdin ſollen ſich alle dieſe lächerlichen Vorurtheile der Geburt, des Ranges, der Tugend beugen, und gleich berechtigt ſoll die Jüdin daſtehen inmitten der erſten und vornehmſten Geſellſchaft. Sieh, Fanny, das iſt mein Plan und mein Ziel, es iſt auch das Deine, nur daß wir Beide es
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auf verſchiedenen Wegen verfolgen. u an der Seite eines Mannes,
deſſen Gemahlin Du biſt, dem Du Treue und Liebe vor Gottes Altar gelobt haſt, ohne ſie zu empfinden; ich an der Seite eines Mannes,
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deſſen Freundin ich bin, dem ich zwar nicht vor dem Altar Treue und Liebe geſchworen, dem ich ſie aber halten werde, weil ich ſie empfinde! Gott möge entſcheiden, bei welcher von uns Beiden die wahre Mora lität wohnt. Die Welt giebt Dir Recht und verurtheilt mich; ich aber will ihr eines Tages all ihre Verachtung und ihren Spott in's Ge ſicht ſchleudern und will ſie zwingen, ſich in Demuth vor mir zu beugen!
Und wenn man Dich anſieht in Deiner ſtolzen, leuchtenden Schön heit, ſo fühlt man, daß Dir Alles gelingen wird, was Du willſt, ſagte Fanny, mit bewundernden Blicken die ſtrahlende Erſcheinung Marianens betrachtend.
Mariane nickte leicht mit dem Haupt. Laß uns unſer Ziel ver folgen, ſagte ſie, denn es iſt daſſelbe. Wir haben Beide eine Miſſion zu erfüllen, Fanny, wir haben die Jüdin zu rächen an dem Hochmuth der Chriſtinnen, wir haben ihnen zu beweiſen, daß wir in jeder Hinſicht ihnen gleich ſtehen, daß wir vielleicht beſſer, bedeutender,
Mihlbach, Ngpolern 1. Bd


