mir dieſen Irrthum, ich habe ihn ſchwer gebüßt, holdes Idol, und doch ſcheint es mir jetzt, als ſeien alle dieſe Leiden und Täuſchungen nicht ge⸗ weſen, als ſeien alle dieſe Schmerzen nur ein Traum! Und Du, Du Grauſame, warum ließeſt Du ſo lange mich ſuchen und warten? Warum kamſt Du nicht, mein Sehnen zu befriedigen? Komm, daß ich von Deinen Lippen alle die Tage hinweg küſſe, die Du nicht da warſt! Komm! Mein Leben beginnt erſt jetz, erſt jetzt, da ich Dich end⸗ lich erſchaue, endlich unter dem Sonnenſchein Dei⸗ ner Blicke ruhe!“
In dieſem Moment fiel der letzte Strahl der Sonne auf Leontin's Angeſicht, und Giſela ſeufzte leiſe:„die Sonne geht ſchon unter!“
„Da außen, aber nicht dieſe Sonne,“ rief Leontin, ihre Augen küſſend und ſie feſter an ſein Herz drückend.„Du, Giſela, biſt mein, mein auf ewig! Und ſo wie ich Dich halte, und ſo wie ich Dich erkannt habe, kann nichts Dich mir entreißen! Als mein höchſtes Kleinod will ich Dich der Welt zeigen, daß ſie, gleich mir, anbetend vor Dir niederfinkt, Du ſtrahlendes, reines Engelsbild.“
„Du vertrauſt mir alſo,“ flüſterte Giſela, „Du willſt nicht, daß ich die kaum verharrſchten Wunden meiner Bruſt aufreiße, und Dir mein zuckendes Herz zeige, Du willſt nicht, daß ich Dir die finſtere Geſchichte meiner Leiden und meiner
Tünſchungen erzähle, und Dich Theil haben laſſe 10
Zwei Lebenswege. III.


