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Nicht als ob Baronin Judith, dieſen Beſchluß faſſend, Walther geliebt hätte, als ob ſie bezau⸗ bert worden von ſeiner Schönheit, ſeiner Anmuth. Solche kleinliche Schwächen hatten nimmer die Klarheit ihres Geiſtes getrübt. Aber Judith war es überdrüſſig in dieſer kleinen Stadt zu leben, die Tage in müßiger Ruhe hinzubringen, von jeder Stunde zu wiſſen, was ſie ihr gewähren könne, was ſie von ihr zu erwarten habe. Sie war es überdrüſſig, ſtets nur dieſelben Geſichter zu ſehen, dieſelbe Geſellſchaft, in der Keiner ſich befand, den ſie nicht durchſchaut, der nicht ein Spielzeug in ihrer Hand geweſen.
Sie ſehnte ſich nach einem größern Wirkungs⸗ kreis, die ganze Kunſt ihres Weſens zu entfalten, alle Mienen ihrer Coquetterie und ihrer Geſchick⸗ lichkeit in der Intrigue ſpringen zu laſſen; ſie ſehnte ſich nach Thaten, nach Verwickelungen, nach Beſchäftigungen für ihren regen, intrignanten Sinn.
In einer großen Reſidenz zu leben, ſich auf's neue umringt zu ſehen von einem Heer von Be⸗ wunderern, inmitten der glänzendſten Geſellſchaft dazuſtehen als die Königin des Feſtes, die Königin der Schönheit und Tugend, das war es, was ihr dürſtender Ehrgeiz verlangte, und um dies Ziel zu erreichen war ſie entſchloſſen, jedes Mittel zu verſuchen, alle Hülfsquellen in Bewegung zu ſetzen.
Zuwei Lebenswege. II. 3


