Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 2. Band (1860)
Entstehung
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Du ſprichſt, tönen Deine Worte wieder in meiner Bruſt; wenn Du lächelſt, ſcheint es mir, als habe ich in die Sonne geſchaut, und wenn ich an Dich denke, an Deine ſtolze, herrliche Erſcheinung, dann fühle ich, daß Du der König und Herr biſt meines Lebens, meiner Seele, ich Deine Selavin, Dein armes, Dir, meinem Gott, ergebenes Geſch öpf!

lind wenn Du Dich täuſchteſt, Giſela, wenn ich, den Du in der Größe Deiner Seele als einen Gott begrüßteſt, nichts weiter wäre, denn ein ſchwacher, ſündiger Menſch?

Läſtere Dich nicht ſelbſt, rief ſie mit blitzen⸗ den Augen, und nicht merkend, daß Walther abſichtlich ſo ſprach, um durch ſeine anſcheinende Beſcheidenheit ihr Entzücken, ihr Lob auf's Neue anzureizen und zu befeuern.Läſtere Dich nicht ſelbſt und frevle nicht an Deiner eigenen, erha⸗ benen Seele! Horch, wie der Wind auf einmal in den Zweigen rauſcht, ſiehſt Du, die Natur ſelber iſt erzürnt über die frevelnden Worte ihres Lieblings. Denn ihr Liebling biſt Du, mein Wal⸗ ther! Seit Dein Fuß dieſen Garten betrat, ſcheint es, als dufteten die Blumen noch einmal ſo köſtlich, als ſei das Grün der Bäume grüner, der Himmel tiefer und ſtrahlender. Horch, wie dort die Nach⸗ tigall im dichten Laube ſchlägt! O wäre doch mein Herz eine Nachtigall, daß ſie Dir in be⸗ geiſterten Tönen ihre Liebe ausſtrömen könnte! O mein Gott, wie ſchön iſt doch dieſe Welt!