Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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Sitte widerſtrebendes Betragen macht es mir un⸗ möglich, ſie länger in meinem Hauſe zu dulden, und wie ſehr auch meine ſchweſterliche, nie zu untergrabende Liebe mir zuflüſtert, das Kind meiner Mutter nicht von mir zu ſtoßen, ſo darf ich doch den Zuflüſterungen meines zu weichen Herzens nicht Gehör geben, nicht ein Mädchen, das ich nicht beſſern, ſondern die mich nur verderben kann, an meiner Seite dulden! Oh, könnte ich mit ihr in eine Einöde flüchten, ich würde dann den Mantel Alles verzeihender Liebe über Giſela'sarmes ver⸗ irrtes Herz decken, und nimmer von ihr laſſen. Aber inmitten der Welt, ſelber irrend noch und ſchwach, ſelber jung noch und den Gefahren aus⸗ geſetzt, darf ich, kann ich nicht Alles wagen, meinen Ruf, meine Ehre auf's Spiel ſetzend, Giſela in meinem Hauſe dulden, um vielleicht von ihrer Seite nichts dafür zu erlangen, als Undank und offenkundige Schande. Aber es ſoll nicht geſagt werden, daß mein Herz der Schweſter er⸗ kaltet und unzugänglich geworden. Sie will ſich, um Aufnahme flehend, an Sie wenden. Oh, er barmen Sie ſich ihrer! Und wenn ich von Ihrem nicht zu täuſchenden ſtarken Geiſte nicht fordern darf, daß Sie die ſchönen Redensarten von furcht⸗ loſer Tugend und Weltverachtung, mit denen Giſela Sie zu gewinnen ſtreben wird, glauben, ſo hoffe ich doch von Ihrem edlen, großen Ge⸗ müthe, daß Sie vielleicht Muth und Stärke genug