Teil eines Werkes 
1. Theil, Zwei Lebenswege : 1. Band (1860)
Entstehung
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uns nöthigt, aus unſerm Geſicht eine Larve zu machen, die Freundlichkeit und Liebe, und nichts als Liebe zeigt. Denn den Bruder, die Schweſter, welche ein blindes Geſchick an Deine Seite ge⸗ ſtellt, nicht lieben, nennt die Welt ein Verbrechen. Die Tyrannei der Verwandtſchaft war es, welche Judith und Giſela verband und zur Liebe nöthigte. Die Kinder Eines Vaters, Einer Mut⸗ ter, die Kinder Einer Liebe, war doch dies das Einzige, was ihnen gemeinſchaftlich angehörte, was ſie Beide ihr Eigen nannten. Unfern von der kleinen Reſidenzſtadt, in wel⸗ cher ſie jetzt wohnten, auf dem reizend belegenen Landſitz ihrer Aeltern hatten die beiden Schweſtern die Tage ihrer erſten Kindheit verlebt, aber nicht gemeinſam, ſondern eins nach dem andern, denn Judith zählte ſchon faſt zehn Jahre, als Giſela geboren ward, und ſo hatten ſie nicht einmal ge⸗ meinſame Erinnerungen froh verlebter Kinderjahre, glücklicher Kinderſpiele. Wenige Jahre nach Giſela's Geburt war ihr Vater, der Baron von Waidmann, geſtorben, ſeine Vermögensumſtände in einer Zerrüttung zurück laſſend, die ſeiner Witwe um ſo erſchütternder war, je weniger ſie ein ſolches Ungemach voraus geſehen und geahnt hatte. Die köſtliche, auf das Geſchmackvollſte eingerichtete Villa mußte verkauft und verlaſſen werden, mit ihr der Leizende, im großartigſten Styl angelegte Park.